Manfred Lauffs
Rede auf dem Festakt am 27.9.00
Sehr verehrte Gäste,
liebe Eltern,
liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Wenn die Wände dieser Aula Augen, Ohren und Zungen hätten, was könnten sie uns alles erzählen! Von vielen hundert gespannten Gesichtern am ersten Schultag, von freudigen Abiturienten und Abiturientinnen, früher ganz in schwarz, heutzutage bunt gemischt, von fanatischen Propagandaparolen, aber auch von ihrem Gegenteil, den Worten großer Theaterdichter. Sie würden berichten von der hier erklungenen Musik großer Komponisten, von lustigen Gedichten, von spannenden Podiumsdiskussionen und Vorträgen illustrer Gäste, von Geburtstags- und Abschiedsfeiern - sie würden vom Menschenleben in dieser Schule erzählen, die sich jetzt anschickt, zugleich in ihr zweites Jahrhundert und in ein neues Jahrtausend aufzubrechen. Hundert Jahre - das ist eine kurze Zeit. Alle hundert Jahre - so erzählt ein Märchen - wetzt ein Vogel seinen Schnabel an einem großen Felsenberg. Und wenn der Berg abgewetzt ist, ist erst eine Sekunde der Ewigkeit vergangen. 100 Jahre - das ist eine lange Zeit nach Menschenmaß. Von den ersten Lehrern und Schülern der Schule lebt niemand mehr, und wenn sie heute das Ratsgymnasium besuchen würden, wären sie sicher aufs Äußerste verwundert über das, was sich hier abspielt. So viele Lehrer und vor allem Lehrerinnen! So viele Mädchen! So ein modernes Gebäude neben dem alten! Wo sind die Schülermützen und die Tintenfässer geblieben? Aber schaut einmal, die ausgestopften Tiere sind noch da! Allerdings unter Plexiglas, wegen der inzwischen entdeckten Gefahren für die Gesundheit.
Natürlich feiern wir den Geburtstag der Schule in unserer schönen Aula, mit renoviertem Parkett, wie Sie sicher bemerkt haben! Ich freue mich sehr, dass Sie alle zum Fest gekommen sind, und ich möchte Sie ganz herzlich begrüßen.
Ich heiße besonders unsere Ehrengäste willkommen,
zunächst den Leitenden Gesamtschuldirektor Gernot Röken,
unseren neuen Dezernenten aus Münster, sowie
seinen Vorgänger, Herrn Dr. Brandt.
Als Vertreter der Stadt Gladbeck begrüße ich herzlich Herrn Bürgermeister Eckhard Schwerhoff, den Ersten Beigeordneten, Herrn Dr. Wolfgang Andriske, den Leiter des Schulverwaltungsamts, Herrn Ulrich Roland, und die Vorsitzende des Schulausschusses, Frau Hildegard Groß-Albenhausen, sowie die Vertreter der Ratsfraktionen der SPD und CDU, Herrn Klabuhn und Herrn Watephul.
Wir bewegen uns heute nicht nur auf renoviertem, sondern auch auf internationalem Parkett: Mit besonderer Freude heiße ich willkommen die Schulleiter unserer Partnerschulen, Monsieur le Directeur Serge Huard vom Collège de Marcq, mon cher ami Serge, sois le bienvenu, und Herrn Ewald Kolarczyk von der Zespol Szkol in Wodzislaw, wo die Schüler der drei Gladbecker Gymnasien gerade wieder einen wunderbaren Aufenthalt erlebt haben. Monsieur Huard wird begleitet vom langjährigen Freund des Ratsgymnasiums, der auch mein Freund ist, verantwortlich für den Schüleraustausch, Monsieur Dominique Saint-Machin, Herr Kolarczyk wird begleitet von seiner Frau und von der Deutschlehrerin Ola Nawrat. Herzlich willkommen!
Als Vertreter der Kirchen begrüße ich mit Freude Herrn Pastor Ballhorn.
Ein herzlicher Gruß gilt auch Frau Bärbel Rietkötter, der nimmermüden, engagierten Vorsitzenden der Schulpflegschaft, und dem neuen Schülersprecher Robert Schmirler.
Immer wieder gern gesehene Gäste sind die ehemaligen Lehrerinnen und Lehrer, an Ihrer Spitze mein Vorgänger im Amt, Herr Oberstudiendirektor a.D. Hanswilhelm Schulteis, der mit seiner Frau und ehemaligen Kollegin gekommen ist. Und zu dieser Gruppe gehört auch der älteste noch lebende Lehrer des Ratsgymnasiums, mit 91 Jahren fast so jung wie die Schule, Studiendirektor a.D. Hans Drebes!
Ich darf ferner herzlich begrüßen den Vorsitzenden des Ehemaligenvereins, Herrn Leitenden Kriminaldirektor a.D. Gerd Steffen.
Nun möchte ich noch begrüßen die beiden Architekten des Neubaus, Herrn Niermann und Herrn Schicktanz.
Und nicht vergessen möchte ich auch Herrn Brinkhoff von der Stadtsparkasse, die unser Jubiläum finanziell unterstützt, sowie Herrn Pollmann, den Leiter der VHS, und die Damen Tophinke und Hegemann von der Humboldtbuchhandlung. VHS und Humboldtbuchhandlung sponsern beide die heutige Veranstaltung mit. Herzlichen Dank!
Ich freue mich sehr, dass auch die Schulleiterinnen und Schulleiter fast aller Gladbecker Schulen der Einladung des Ratsgymnasiums gefolgt sind.
Herzlich willkommen sind natürlich auch Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, liebe Eltern, und seid Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler aus allen Klassen, insbesondere aus den Jahrgangsstufen 12 und 13.
Ich freue mich sehr, dass auch einige meiner engsten Verwandten und Freunde gekommen sind, und dass auch meine Frau sich heute morgen die Zeit genommen hat, mitzufeiern.
Und nun begrüße ich mit ganz besonderer Freude noch einen Gast, den ich auch als ersten hätte begrüßen und vorstellen können, aber ich wollte es ein bisschen spannend machen. Es ist uns gelungen, für den Festvortrag einen Mann zu gewinnen, der wie kaum ein anderer Deutscher unser Nachbarland Frankreich und seine Bewohner vom Staatspräsidenten bis zur Blumenverkäuferin auf dem Markt von Saint-Tropez kennt, der 17 Jahre lang für die ARD als Fernsehkorrespondent und Studioleiter in Paris tätig war, der 1987 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt und für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft 1999 mit dem Adenauer-de-Gaulle-Preis geehrt wurde. Wir haben ihn eingeladen, weil unsere Schule seit 37 Jahren durch eine intensive und kontinuierliche Partnerschaft mit Frankreich verbunden ist, die auf ähnliche Weise auf mehreren Ebenen der Stadt Gladbeck gepflegt wird. Wir gehören zu den ganz wenigen Schulen, die eine so lange Partnerschaft ohne Unterbrechung fortgeführt haben. Nach der Freundschaft Giscard dEstaing-Schmidt und Mitterand-Kohl gibt es nun die Freundschaft Huard-Lauffs. (Après lamitié Giscard-dEstaing-Schmidt et Mitterand-Kohl, il y a maintenant lamitié Huard-Lauffs.) Unser Gast ist ein Mann, der hervorragend aus eigener Anschauung das deutsch-französische Verhältnis und speziell die unterschiedlichen Schulsysteme darstellen und erläutern kann. Wir freuen uns auf einen hochinteressanten Vortrag. Herzlich willkommen, Heiko Engelkes!
Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen jetzt nicht - wie sonst vielleicht üblich - einen geschichtlichen Rückblick aufdrängen, die Schulgeschichte können Sie an verschiedenen Stellen nachlesen, in der Festschrift, in der Presse, in der Zeitschrift: Gladbeck - unsere Stadt oder im Internet. Und im Foyer gibts eine schöne Ausstellung dazu. Ich möchte nur mit wenigen Worten ein Loblied auf das Geburtstagskind anstimmen, denn hundert Jahre alt zu werden und dabei ewig jung zu bleiben, das ist eine seltene Eigenschaft. Dr. Andriske erzählte einmal in kleinem Kreis von einer Schule, irgendwo im Westfälischen, über deren Tür die hehren Worte stehen: Ich höre - ich sehe - ich lerne! Und da es sich um ein altehrwürdiges Gymnasium handelt, sind diese Worte natürlich in lateinischer Sprache verfasst, und also steht über dem Tor: AUDIO - VIDEO - DISCO! Daran sieht man, wie fortschrittlich eine alte Schule sein kann und wie aktuell die lateinische Sprache. Über dem Ratsgymnasium könnten - anstatt Vorwärts-aufwärts - die drei genannten Worte auch stehen, und sie würden dann anzeigen, dass auch hier die neuen Medien Einzug gehalten haben und der Unterricht ohne sie gar nicht denkbar ist. Eine Discothek gibt es allerdings nur ein- bis zweimal im Jahr, zum Beispiel beim Unterstufenkarneval. Viele lateinische geflügelte Worte passen auch auf unsere Schule. Mancher unter uns ist von sich überzeugt: Cogito ergo sum - Ich denke, also bin ich. Andere antworten dann: Errare humanum est - Irren ist menschlich. Der Segelkurs in der 11 findet auch seinen Spruch. Stultus bedeutet dumm, stultior dümmer. Stultior navigare necesse est heißt also: Dümmerseefahrt tut not. Und den pensionierten Kollegen geben wir immer ein fröhliches in vino veritas - Im Wein liegt Wahrheit mit auf den Weg in den Ruhestand. Oder auch ein ebenso fröhliches: Mens sana in Campari Soda.
Die Leitlinien unseres Gymnasiums sind Tradition und
Innovation, das Alte wird respektiert und
aufgehoben in dreifachem Sinn: aufgehoben im
Sinne von aufgenommen, aufgehoben im Sinne von
aufbewahrt, und manchmal auch aufgehoben im Sinne
von außer Kraft gesetzt.
Die Geschichte des Ratsgymnasiums der letzten
fünfzig Jahre zeigt eine Entwicklung, die sicher
typisch ist für viele ältere Schulen: von der
Amtsautorität zur Anerkennung der
Individualität und Persönlichkeit, von Zucht
und Ordnung (bis in die 60er Jahre gab es die
Prügelstrafe!) zum demokratischen Umgang, von
Weisung und Obrigkeitsbestimmtheit zu
Kommunikation, Einsicht und Selbstständigkeit,
von Geheimhaltung zur Transparenz, vom Fernhalten
der Elterneinflüsse zur Elternmitarbeit, von der
ehrfurchteinflößenden Festung
Schule zum Haus des Lernens, in dem
sich Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und
Lehrer, und auch alle Besucher und Gäste
wohlfühlen. Tempora mutantur - die Zeiten
ändern sich! (Sie sehen, ich bin mit meinem
Latein noch nicht am Ende!) Das schönste
Geburtstagsgeschenk hat das Ratsgymnasium schon
im Voraus bekommen, nämlich den modernen,
lichtdurchfluteten Neubau, der genau die soeben
dargestellte Entwicklung architektonisch
symbolisiert und zugleich dem Altbau - also der
Ratsgeschichte - eine neue, hellere Perspektive
eröffnet. Ich danke noch einmal dem Land und der
Stadt für dieses außerordentlich gelungene
Geschenk!
Fast zeitgleich mit dem Geburtstag ist auch das Schulprogramm fertig geworden. Es begab sich aber zu der Zeit vor vier Jahren, dass ein Gebot ausging von der Schulministerin Gabriele Behler, auf dass alle Welt sich ein Schulprogramm erstelle bis zum Jahre 2000. Da machte sich auch ans Werk das Ratsgymnasium, denn es gedachte des alten Schlagers Für Gaby tu ich alles. Lehrer, Eltern, Schüler und Schulleiter haben in vielen Sitzungen ein solches Programm erstellt, das im nächsten Monat von der Schulkonferenz verabschiedet wird und die ganze Vielfalt unserer Schule widerspiegelt, vom Bildungs- und Erziehungskonzept über Unterrichtsmethoden, Projektwochen, Kultur, Sport, Partnerschaften, Eltern- und Schülermitwirkung, Öffnung von Schule bis zur Evaluation, also Qualitätsbewertung. Eine Untersuchung des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungs-forschung hat ergeben, dass unsere Schülerinnen und Schüler dem Ratsgymnasium insgesamt die Note 2,0 geben (zum Vergleich der Durchschnitt aller befragten Schulen: 2,9!). Das ist ein erfreuliches Ergebnis und zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Vor 100 Jahren wurde das Ratsgymnasium gegründet, vor 100 Jahren starb Friedrich Nietzsche, einer der großen deutschen Philosophen und Dichter. Die Schule in seiner Zeit hat er nicht sehr geliebt. Die Philologen nannte er altgewordene Gymnasiasten und sarkastisch schrieb er: Was ist die Aufgabe alles höheren Schulwesens? Aus dem Menschen eine Maschine zu machen. Was ist das Mittel dazu? Er muss lernen, sich zu langweilen! An anderer Stelle aber sagte er ohne Ironie, was die Schule wirklich leisten sollte: Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe, als strenges Denken, vorsichtiges Urteilen, konsequentes Schließen zu lehren. Das können wir heute noch unterschreiben. Wir verstehen Bildung nicht als Weitergabe toten Kapitals, sondern so, wie sie Professor Schwanitz in seinem Bestseller Bildung. Alles, was man wissen muss definiert hat, als Stil der Kommunikation, durch die Verständigung zwischen Menschen zum Genuss wird. Kurz: Sie ist die Form, in der Geist, Fleisch und Kultur zur Person werden und sich im Spiegel der anderen reflektieren.
Lasst uns in diesem Sinn das hundert Jahre junge
Geburtstagskind ehren und feiern, als unsere
Schule, als unser Haus des Lernens, als Ort, an
dem man die Wissenschaften und die Künste liebt,
wo man nicht nur für das Leben lernt - zum
letzten Mal Latein: Non scholae sed vitae
discimus meinte Seneca, nicht für
die Schule, für das Leben lernen wir -
also als Ort, wo man nicht nur für das angeblich
später beginnende Leben lernt, sondern wo sich
das Leben schon hier und heute abspielt. Ich
danke herzlich allen, die diese
Riesengeburtstagsfestwoche vorbereitet und ideell
und materiell unterstützt haben, an ihrer Spitze
dem vorzüglichen Organisator, meinem
Stellvertreter Martin Welling, und wünsche Ihnen
und mir einen schönen Verlauf dieses ganz
besonderen Tages.