| Hannas Schuld
Eine Frage, die den Leser die
meiste Zeit begleitet, ist, inwieweit Hanna sich nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch im
moralischen Sinne schuldig gemacht hat. Um diese Frage zu beantworten, muss man natürlich
berücksichtigen, dass Hanna Analphabetin ist. Sie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht,
diese Schwäche zu verheimlichen, und viele Handlungen sind dadurch extrem beeinflusst
worden. So befürchtet Hanna, dass durch eine Beförderung bei Siemens ihr Analphabetismus
bemerkt werden würde. Indem sie in die SS eintritt, bietet sich ihr die Möglichkeit,
sich einer Bloßstellung zu entziehen. Dabei muss man aber feststellen, dass sie diesen
Schritt nicht aus Überzeugung getan hat, sondern um ihr Problem zu verbergen. Außerdem
zeigt sie sich auch in ihrem späteren Lebenslauf nicht sonderlich politisch interessiert,
weshalb man vermuten kann, dass sie sich über die Konsequenzen eines Beitrittes in die SS
gar nicht im Klaren war. Darum fühlt sie sich auch nicht in der Lage, die politische
Situation zu hinterfragen. Dies ist auch ein Grund, weshalb sie sich vor Gericht meist mit
der Befehlshierarchie verteidigt. Ihrer Meinung nach bildet die Ausführung von Befehlen
eine logische Konsequenz. Hanna wird auch beschuldigt, ihre "persönliche"
Selektion vorgenommen zu haben, indem sie die Mädchen, die ihr vorgelesen hatten, in den
nächsten Transport schickte. An dieser Stelle darf man dies aber nicht verwechseln: Nicht
weil sie ihr vorgelesen haben, wurden sie in den Tod geschickt, sondern die, die sowieso
für den nächsten Transport vorgesehen waren, haben Hanna vorgelesen. Sie hat also nicht
dafür gesorgt, dass Zeugen ihres Analphabetismus liquidiert werden, sondern dass sie kein
unnötiges Risiko eingeht, wenn sie die Mädchen nimmt, die aufgrund ihres
gesundheitlichen Zustandes ohnehin nicht mehr lange Zeit zu leben haben. In dieser Zeit
lässt Hanna ihnen sogar noch Vergünstigungen zukommen. Wenn man diese Aspekte
berücksichtigt, kann man bei Hanna nicht von einer normalen SS-Karriere sprechen. Sie ist
nicht aus ideologischen Aspekten zur SS gegangen und ihre Naivität verhinderte eine
wirklich klare Sicht der Dinge. Meiner Meinung nach hat Hanna sich schuldig gemacht. Allerdings muss man nun doch zwischen ihr und den anderen Aufseherinnen differenzieren, die natürlich andere Beweggründe hatten, der SS beizutreten. Ich glaube nicht, dass sie von der Ideologie überzeugt war und aus diesem Grund ihren Hass an den Gefangenen ausgelassen hat. Zudem scheint sie ein naiver Mensch zu sein, der häufig allein gelassen worden ist. Trotzdem hätte Hanna nicht ihren persönlichen Stolz über ihre Mitschuld am Tod allzu vieler Menschen stellen dürfen. |