Hannas Schuld

Eine Frage, die den Leser die meiste Zeit begleitet, ist, inwieweit Hanna sich nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch im moralischen Sinne schuldig gemacht hat. Um diese Frage zu beantworten, muss man natürlich berücksichtigen, dass Hanna Analphabetin ist. Sie hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, diese Schwäche zu verheimlichen, und viele Handlungen sind dadurch extrem beeinflusst worden. So befürchtet Hanna, dass durch eine Beförderung bei Siemens ihr Analphabetismus bemerkt werden würde. Indem sie in die SS eintritt, bietet sich ihr die Möglichkeit, sich einer Bloßstellung zu entziehen. Dabei muss man aber feststellen, dass sie diesen Schritt nicht aus Überzeugung getan hat, sondern um ihr Problem zu verbergen. Außerdem zeigt sie sich auch in ihrem späteren Lebenslauf nicht sonderlich politisch interessiert, weshalb man vermuten kann, dass sie sich über die Konsequenzen eines Beitrittes in die SS gar nicht im Klaren war. Darum fühlt sie sich auch nicht in der Lage, die politische Situation zu hinterfragen. Dies ist auch ein Grund, weshalb sie sich vor Gericht meist mit der Befehlshierarchie verteidigt. Ihrer Meinung nach bildet die Ausführung von Befehlen eine logische Konsequenz. Hanna wird auch beschuldigt, ihre "persönliche" Selektion vorgenommen zu haben, indem sie die Mädchen, die ihr vorgelesen hatten, in den nächsten Transport schickte. An dieser Stelle darf man dies aber nicht verwechseln: Nicht weil sie ihr vorgelesen haben, wurden sie in den Tod geschickt, sondern die, die sowieso für den nächsten Transport vorgesehen waren, haben Hanna vorgelesen. Sie hat also nicht dafür gesorgt, dass Zeugen ihres Analphabetismus liquidiert werden, sondern dass sie kein unnötiges Risiko eingeht, wenn sie die Mädchen nimmt, die aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes ohnehin nicht mehr lange Zeit zu leben haben. In dieser Zeit lässt Hanna ihnen sogar noch Vergünstigungen zukommen. Wenn man diese Aspekte berücksichtigt, kann man bei Hanna nicht von einer normalen SS-Karriere sprechen. Sie ist nicht aus ideologischen Aspekten zur SS gegangen und ihre Naivität verhinderte eine wirklich klare Sicht der Dinge.
Auf der anderen Seite ist dies nicht unbedingt eine Entschuldigung für Hannas Entscheidung. Wäre es denn nicht möglich gewesen, eine andere Arbeitsstelle anzunehmen? 1943 sind die meisten Männer in den Krieg involviert und eine Menge Arbeitsstellen sind unbesetzt. Sie hätte ebenso gut eine neue Stelle in einem anderen Werk antreten können. Zudem hätte doch auch sie erkennen müssen, dass den Menschen schlimmstes Unrecht getan wird, und gleichgültig, mit welcher Intensität sie ihren Aufgaben nachgegangen ist, so hat sie auch nach Befehl Verbrechen begangen, wie zum Beispiel die Selektionen. Des Weiteren hat sie auch noch einen "Todesmarsch" begleitet, bei dem unzählige Menschen sterben mussten. Zuletzt muss Hanna sich auch für die unterlassene Hilfeleistung gegenüber der Gefangenen in der brennenden Kirche verantworten. In allen Fällen hat sie die Befehle über ihre moralische Verpflichtung gestellt. Für sie ist das ja die einfachste Lösung – sie braucht nicht nachzudenken und von der Führung erwartet sie keine Strafe, sodass sie auch nichts riskieren muss. So naiv Hanna auch sein mag, aber spätestens zu diesem Zeitpunkt müsste sich jeder Mensch seiner Schuld bewusst werden. Entweder er hilft und "tilgt" seine Schuld, soweit es möglich ist, oder er macht sich noch weiter schuldig. Hanna und die anderen Aufseherinnen haben nicht eingegriffen und sich somit für die Schuld entschieden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Schuldfrage Hannas nicht einfach beantworten lässt. Es fehlen jegliche Informationen über Hannas Verhalten als KZ-Aufseherin, ob sie nun zu denen gehört, die Befehle mit geradezu sadistischem Vergnügen ausführen oder zu denen, die lediglich Anweisungen folgen. Zudem wird auch im Verlauf des Prozesses nicht deutlich, ob Hanna nun diese Taten bereut und einsieht, dass sie sich falsch entschieden hat. Auch später, kurz vor ihrer Entlassung aus dem Gefängnis, also auch kurz vor ihrem Tod, gibt sie kein direktes Schuldgeständnis ab. Sie ist der Auffassung, dass niemand vor Gericht sie verstanden hätte und jetzt nur noch die Toten, die sie jede Nacht besuchen würden, in der Lage wären, sie zu verstehen. Auf diese Weise macht sie es sich auch wieder einfach: Sie braucht sich nicht vor irgendjemandem zu rechtfertigen – weder vor Michael, noch vor den beiden Überlebenden des Kirchenbrandes oder den anderen Opfern. Wahrscheinlich fühlt sie sich schuldig, aber sie ist nicht mutig genug, sich dem zu stellen, sodass sie sich selbst umbringt.

Meiner Meinung nach hat Hanna sich schuldig gemacht. Allerdings muss man nun doch zwischen ihr und den anderen Aufseherinnen differenzieren, die natürlich andere Beweggründe hatten, der SS beizutreten. Ich glaube nicht, dass sie von der Ideologie überzeugt war und aus diesem Grund ihren Hass an den Gefangenen ausgelassen hat. Zudem scheint sie ein naiver Mensch zu sein, der häufig allein gelassen worden ist. Trotzdem hätte Hanna nicht ihren persönlichen Stolz über ihre Mitschuld am Tod allzu vieler Menschen stellen dürfen.