Erzähltechnik

Die Beziehungsgeschichte des Schülers Michael und der 35jährigen Hanna wird von einem Ich-Erzähler erzählt, der als als "erinnerndes Ich" das vergangene Geschehen auktorial kommentieren und reflektieren kann. Von inneren Vorgängen kann der Erzähler dabei nur bei sich berichten, über Hannas Gefühle muss er spekulieren.
Meistens vergegenwärtigt sich der Erzähler das Geschehen so sehr, dass aus zeitlichem Abstand erzählendes und erlebendes Ich auch zusammenfallen können, so dass die Erzählhaltung personal wird.
Auf diese Weise wird eine sehr persönliche Beziehung des Lesers zum Protagonisten aufgebaut, da Michael die Situation so schildert, wie er sie selbst in diesem Moment erlebt, er kommentiert dies allerdings aus großer zeitlicher Distanz, so dass immer ein klarer Unterschied zwischen dem erlebenden und dem erzählenden Ich erkennbar wird. Allerdings wechselt die Erzählhaltung oft sehr kurzfristig zwischen auktorialer Distanziertheit und personalem Erleben. Ein gutes Beispiel ist das Kapitel elf des ersten Teils, in dem beschrieben wird, wie Hanna und Michael sich im Hotelzimmer streiten. Dies ist eine recht extreme Situation, da sie außer Kontrolle gerät und Hanna Michael mit ihrem Gürtel schlägt. Michael weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, wie er auf Hannas Anschuldigungen reagieren soll. In dieser Situation wechselt Schlink immer wieder zur auktorialen Erzählhaltung, indem er von dieser Szene mit einem gewissen Abstand spricht. Als Erwachsener fragt sich Michael, wie er hätte reagieren müssen, um einen derart heftigen Ausbruch Hannas zu vermeiden. Des Weiteren erklärt er seine eigene Verhaltensweise, z.B. warum er es nicht schafft, Hanna in den Arm zu nehmen, was er damit begründet, dass bei ihm zu Hause solche Konflikte anders geregelt werden. Andererseits bleibt es bei der Beschränkung durch die personale Erzählperspektive, weil zu diesem Zeitpunkt des Geheimnis von Hannas Analphabetismus nicht gelüftet wird. Der Leser nimmt somit teil an Michaels Erkenntnisprozess.
Zum Schluss des Kapitels ist ein Gedicht Michaels abgedruckt, das er während seiner Beziehung zu Hanna verfasst hat. Schlink lässt Michael dieses Gedicht als Erwachsenen bewerten, was der Leser allein schon daran erkennt, dass der Autor drei mal das Wort damals verwendet. Außerdem ist diese Bewertung wie eine Erinnerung abgefasst, denn Michael denkt an die Zeit zurück, in der er Rilke und Benn zugleich imitieren wollte, weshalb er dieses Gedicht nicht als künstlerisch wertvoll bezeichnet.