| Charakterisierung Michaels
In dem Roman "Der Vorleser" von Bernhard Schlink
ist Michael Berg die männliche Hauptfigur, die sich im Roman in eine 21 Jahre ältere
Frau verliebt, nach dem Ende der Beziehung von ihrer NS-Vergangenheit erfährt und dessen
Leben von dieser Beziehung geprägt wird.
Zu Beginn der Bekanntschaft ist Michael ein typischer Jugendlicher von 15 Jahren, der sich
mitten in der Pubertät befindet, der Probleme mit sich und seinen Körper hat. Dies
erkennt man daran, wie er sich selbst beschreibt. Er habe "zu lange Arme und
Beine", seine Brille sei "ein billiges Kassenmodell" und er habe
"strubbeliges Haar". Alles in allem hält er sein Aussehen für eher
mittelmäßig. Seine Jugend wird durch die Erkrankung an Gelbsucht geprägt, die ihn
schwächt und durch die er viel in der Schule versäumt und die auch der Grund dafür ist,
dass er den Kontakt zu seinen Mitschülern verliert. Er schämt sich wegen seiner
Krankheit, "besonders, als (er sich) übergab" (S.6). Zu diesem Zeitpunkt lernt
er auch Hanna Schmitz kennen. Sie hilft ihm und als er sich Monate später bedanken will,
beobachtet er sie beim Anziehen der Strümpfe und rennt verschämt weg. Dies und seine
nächtlichen Phantasien, mit denen er diesem Erlebnis begegnet, sind weitere Indizien für
seinen pubertären Entwicklungsstand. Er beginnt eine Beziehung mit der wesentlich
älteren Hanna und entwickelt durch diese Beziehung eine kühle Distanz zu seiner Familie,
da er meint, dass nun nach dem ersten sexuellen Kontakt zu Hanna "der Abschied
vollzogen" (sei). Außerdem belügt er seine Eltern mit Ausreden, wenn er wegen Hanna
zu spät nach Hause kommt. Dies zeigt auch, dass Hanna immer mehr Macht über Michael
erlangt, wie auch sein Verhalten bei Streitigkeiten in der Beziehung erkennen lässt. Er
entwickelt über die Sexualität eine Abhängigkeit von Hanna, die diese bei solchen
Streitigkeiten ausnutzt um Michael die Schuld auf sich nehmen zu lassen, obwohl dieser
keine Schuld trägt. Das zeigt, dass Michael, obgleich er durch die Beziehung
selbstbewusster im Umgang mit Gleichaltrigen wird, dennoch Hanna unterlegen ist.
Nach einer Weile verlässt Hanna Michael, der glaubt, sie verlasse ihn, weil er nicht zu
ihr steht, als sie ihn im Schwimmbad besucht, weil er im ersten Augenblick nicht weiß,
was er tun soll. Er ist in dieser Situation vollkommen überfordert und gibt sich die
Schuld, wie er es immer in dieser Beziehung tut.
Als er sie einige Jahre später wieder trifft, ist er mitten in seinem Studium und eifrig
bemüht dieses erfolgreich zu beenden. Er ist ein Einzelgänger geworden, der keine enge
Beziehung zu seinen Mitmenschen pflegt. Er gibt sich immer noch die Schuld an Hannas
Verschwinden und seine Unfähigkeit Beziehungen einzugehen lässt sich wohl durch seine
Angst begründen, wieder verlassen zu werden. Durch die erneute Begegnung mit Hanna sieht
sich Michael mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Dies wird noch durch die Situation, in
der er sie wiedertrifft, verstärkt, sie ist Angeklagte in einem
NS-Kriegsverbrecherprozess. In diesem Prozess erfährt er von ihrer Vergangenheit und
sieht Hannas unzureichende Verteidigung. Er malt sich aus, wie wohl Hanna als
KZ-Aufseherin gewesen ist, und ist erschrocken über die Erregung, die er verspürt, wenn
sich diese in seinen Träumen mit seinen Erinnerungen vermengen. Wegen seines gewachsenen
Interesses bezüglich der NS-Vergangenheit besucht er ein KZ, um sich ein besseres Bild
von der Situation im KZ zu machen. Er entwickelt fast eine Besessenheit bzgl. der NS-Zeit,
er will wissen, was zu dieser Zeit geschah, er will verstehen, wie Menschen so handeln
konnten. Auf einem seiner Sonntagsspaziergänge, die er während des Prozesses pflegt,
erkennt er Hannas Geheimnis, sie ist Analphabetin. Diese Erkenntnis erklärt ihm ihr
wunderliches Verhalten während des Prozesses, in welchem sie immer mehr Schuld auf sich
nimmt, obwohl sie ohne Schwierigkeiten sich hätte entlasten können. Diese
Erkenntnis stürzt Michael in einen schweren inneren Konflikt, denn er weiß nicht, ob er
mit ihr oder gar dem Richter über Hannas Problem reden soll. Um Rat zu finden, wendet er
sich an seinen Vater, der für ihn, wenn auch nicht auf privater oder emotionaler Ebene,
eine Autorität auf dem Gebiet der Philosophie ist. Nach einer Zeit beschließt Michael,
mit dem Richter zu reden, da er es nicht länger aushält, nichts zu tun, und er
Gerechtigkeit widerfahren lassen will, auch wenn seine Ansicht bzgl. Hanna sich verändert
hat. Er gibt sich nicht länger die Schuld daran, dass sie ihn verlassen hat, da er
erfahren hat, dass sie im KZ sich Insassen als Vorleser zu halten pflegte, die nach
einer gewissen Zeit der Vergasung zugeführt wurden. Er fragt sich, ob sie mit ihm genauso
gehandelt hätte, hätte sie ihn nicht einfach verlassen können. Das Gespräch mit dem
Richter bleibt erfolglos, da dieser nur über das Studium mit Michael redet, der den Mut
verliert, mit dem Richter über das eigentliche Anliegen zu reden. Hanna wird schließlich
zu lebenslanger Haft verurteilt.
Nach dem Prozeß wendet Michael sich vollständig seinem Studium zu, um sich wohl, wie er
selbst meint, der Bedeutung des Prozesses für ihn zu entziehen und um vor der
Konfrontation mit seinen Gefühlen zu Hanna, mit ihrer Schuld, aber auch mit seiner Schuld
zu fliehen. Er verliert durch dieses konzentrierte Studium jeglichen Kontakt zu seiner
Umwelt. Dies ist ihm aber recht und unterstützt seine "Flucht". Trotzdem wird
er eingeladen mit einigen anderen Studenten Ski zu fahren. Diese Einladung nimmt er an.
Während der Skifahrt erkrankt er an einer starken Lungenentzündung und lernt Gertrud
kennen, die er später heiratet, als diese sein Kind erwartet. Er will Verantwortung für
dieses Kind übernehmen und versucht mit Gertrud eine glückliche Beziehung aufzubauen,
was ihm jedoch nicht gelingt. Er sieht den Grund des Versagens der Beziehung in Hanna. Er
vergleicht ständig seine Frau mit Hanna, von der er ihr nie etwas erzählt hat. Dies
zeigt wieder einmal seine starke Bindung an Hanna und die starke sexuelle Abhängigkeit,
die er immer noch verspürt, obwohl seine Beziehung zu Hanna längst vorbei ist. Die Ehe
wird geschieden, als seine Tochter Julia 5 Jahre ist. Er versucht seine Beeinträchtigung,
eine Beziehung zu führen, entgegenzutreten, indem er in seinen folgenden Beziehungen von
Hanna erzählt, aber selbst dies bringt nichts. Er wird Hanna nicht los. So fängt er an,
ihr Bücher auf Kassetten vorzulesen, und gibt ihr eine "Nische" in seinem
Leben. Er liest ihr viel vor, selbst seine eigenen Bücher. Er ist erfreut, als er einen
Brief von ihr bekommt, denn sie hat nun lesen und schreiben gelernt, auch wenn diese
Schriften sehr unbeholfen erscheinen. Er liest ihr weiterhin vor, er baut erneut ein
Ritual mit ihr auf und geht so wieder eine Bindung mit ihr ein, doch diesmal behält er
die Macht, für sich über den Fortgang der Beziehung zu entscheiden. Diese Macht sieht er
bedroht, als er von der Gefängnisleiterin über die baldige Entlassung von Hanna erfährt
und gebeten wird, sich um Arbeit und Wohnung für sie zu kümmern. Er tut dieses jedoch
und erkundigt sich sogar um Bildungsstätten für Hanna. Er entwickelt ein Gefühl der
Verantwortlichkeit für Hanna. Er besucht sie schließlich eine Woche vor ihrer Entlassung
und erkennt in ihr nicht die Frau, die er geliebt hat. Er zweifelt über den Fortgang
seines Vorlesens. Am Tag vor der Entlassung bespricht er mit Hanna die Details ihrer
Entlassung. Am nächsten Morgen erfährt er von ihrem Selbstmord und stellt sich die
Frage, ob er Schuld dafür träge. Auch von der Gefängnisdirektorin muss er ähnliche
Vorwürfe indirekt entgegennehmen. Dass Hanna für ihn die Frau des Leben gewesen ist,
wird nicht nur durch die letzte Begegnung deutlich, als er sie tot sieht. Er sieht in ihr
die junge Frau, in die er sich verliebt hat. Er sieht ein, dass sie sein ganzes Leben
bestimmt hat. |