Charakterisierung Hannas

In Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" ist Hanna Schmitz die weibliche Hauptfigur, die im Alter von 36 Jahren Michael Berg kennen lernt und eine Beziehung mit ihm anfängt. Erst später erfährt Michael und damit auch der Leser von ihrer Vergangenheit als KZ-Aufseherin, als Hanna nämlich angeklagt und verurteilt wird.
Als der 15-jährige Michael Berg Hanna Schmitz kennen lernt, ist sie 36 Jahre alt und vom Beruf Straßenbahnschaffnerin. Sie wird von ihm als eine Frau mit einem "sehr kräftigen und sehr weiblichen Körper" beschrieben. Ihr Gesicht sei "ein großflächiges Gesicht", mit einer "hohe(n) Stirn, hohe(n) Backenknochen, blaßblaue(n) Augen, volle, ohne Einbuchtungen geschwungenen Lippen (und) ein kräftiges Kinn". Sie sei ungefähr gleich groß wie Michael und habe "schulterlanges, aschblondes Haar". Über ihre Charakterzüge kann man nur Vermutungen anstellen, die auf Deutungen ihres Verhaltens basieren. Auf der einen Seite ist sie fürsorglich und mütterlich zu Michael, da sie Michael hilft, als dieser sich übergibt, und Michael tadelt, als sie davon erfährt, dass er ihretwegen den Unterricht schwänzt. Auf der anderen Seite nimmt sie in ihrer Beziehung zu Michael eine dominante Rolle ein und ist stets darauf bedacht diese Stellung zu behalten. Dies wird besonders in den Streitgesprächen mit Michael deutlich. Sie zwingt ihn förmlich immer die Schuld auf sich zu nehmen und nutzt seine sexuelle Abhängigkeit dazu aus. Beispielsweise auch,  als Michael zum Beginn der Osterferien sie in der Straßenbahn besucht, doch keiner den anderen auch nur grüßt. Als Michael sie zur Rede stellen will, warum sie so getan habe, als kenne sie ihn nicht, verdreht Hanna die Tatsachen und klagt Michael ihrerseits an, nicht zu ihr gestanden zu haben. Als dieser gegen sie argumentiert und ihr zeigt, dass auch sie schuld am Missverständnis gewesen ist, blockt sie ab und schickt ihn weg, während sie sich auszieht und ein Bad vorbereitet. Da das gegenseitige Baden zu ihrem Sexritual gehört, wird Michael wieder schwach. Dadurch wird seine sexuelle Abhängigkeit deutlich, da er zurückkehrt und die gesamte Schuld auf sich nimmt, obwohl er sich bewusst ist, dass ihn nicht die alleinige Schuld trifft. Dieses Verhalten zeigt Michael immer wieder während ihrer Beziehung und sein gesamtes Leben wird von Schuldgefühlen und einer Abhängigkeit bezüglich Hanna bestimmt.
Obwohl ihr Analphabetismus sie in ihrem Leben einschränkt, da sie beispielsweise stets vor Beförderungen, die ihre Schwäche aufdecken könnten, flieht, ist Hanna eine wissbegierige Frau mit einem enormen literarischen Interesse. So baut sie das Vorlesen in das Sexritual von Michael und ihr ein.
Wie schon erwähnt, gehört auch das Baden zu diesem Ritual, und dieses Baden lässt sich als ein Versuch von ihr deuten sich von der Schuld zu befreien, die sie während der NS-Zeit auf sich geladen hat. Von dieser Vergangenheit erfährt man jedoch erst im zweiten Teil des Romans, als sie wegen ihrer Verbrechen als KZ-Aufseherin angeklagt wird. In diesem Prozess wird wiederum deutlich, dass sie alles dafür tut, ihren Analphabetismus geheim zu halten, denn sie nimmt lieber eine lebenslange Haftstrafe auf sich, als ihre Schwäche preiszugeben, wodurch sie entlastet werden würde.
Am Ende ihres Lebens erlernt sie doch noch das Schreiben und Lesen und begeht dennoch Selbstmord einen Tag vor ihrer Entlassung um vor Michael, ihren Schuldgefühlen und dem bevorstehenden Alltag zu fliehen. Sie flieht sozusagen vor ihrem restlichen Leben.