KZ-Aufseher(innen) 

Mit der Ausdehnung des KZ-Systems und mit Kriegsbeginn herrschte große Personalnot in den Lagern. Anfangs galten noch strenge Auswahlkriterien, was das Aussehen ("arisch"), die politische Überzeugung (dem Führer treu ergeben) und die körperliche Verfassung (gesund, ohne Erbkrankheiten, keine Brillenträger) betrifft. Doch mit der Zeit wurden diese Kriterien mehr und mehr aufgegeben, und es konnte sich praktisch jeder bewerben. Aus diesem Grund wurde auch versucht, Aufseherinnen für die Frauenlager über das Arbeitsamt dienstzuverpflichten oder in Kriegsbetrieben anzuwerben, indem ihnen leichtere Arbeitsbedingungen und höhere Bezahlung in den "Umerziehungslagern" versprochen wurde. Natürlich meldeten sich einige deshalb auch freiwillig, angelockt durch angeblich bessere Bedingungen und durch den Prestigewert, den sie durch diese Arbeit erlangen würden. Dennoch bedeutete der Eintritt in die SS noch keine Meldung für den KZ-Dienst. Zu den Aufgaben der Aufseher gehörte auch die Selektion, die aber erst seit 1942 in den Händen der Aufseher lag, da zuvor das Personal des T4-Programms (Euthanasie-Programm) eingesetzt worden war. Sie entschieden, welche Häftlinge von den anderen getrennt wurden, um sie dann in den Tod zu schicken. Eigentlich sollte unter dem Kriterium der Arbeitsfähigkeit entschieden werden, aber letztlich ging es nach den Sympathien und den Launen der Aufseher, wer auf die "Todesliste" gesetzt wurde. Es musste lediglich eine fadenscheinige Begründung angegeben werden, wie zum Beispiel eine "falsche" politische Überzeugung eines Gefangenen. Die Selektionen traten besonders gegen Kriegsende auf, da der Platz in den Lagern begrenzt war. Dies lässt sich mit der Schließung einiger Lager und der vermehrten Häftlingsaufnahme begründen. Durch die immer näher rückende Front sahen sich die Verantwortlichen gezwungen, die Lager aufzugeben und die Gefangenen in andere zu transportieren. Da diese Wege oftmals zu Fuß zurückgelegt wurden, prägte sich schnell der Begriff "Todesmarsch". Sie fanden unter unmenschlichen Bedingungen statt, so dass Tausende starben. Die Märsche wurden insbesondere im Winter 1944/1945 nötig, und oftmals herrschten eisige Temperaturen. Zudem waren die Nahrungsmittel noch begrenzter, als sie im Lager ohnehin schon waren, und viele Häftlinge verhungerten. Doch nicht nur die äußerlichen Bedingungen führten zum Tod, sondern auch die Behandlung durch die Wachmannschaften, die nicht nur Gefangene, die einen Fluchtversuch starteten, sondern auch völlig Entkräftete, die beim vorgegebenen Tempo nicht mehr mithalten konnten, erschossen. Andere legten die Strecke mit der Bahn zurück, doch dieser Transport war nicht weniger brutal als die Märsche. Die Menschen litten unter Sauerstoff-, Wasser- und Nahrungsmangel und waren im Durchschnitt mit bis zu 70 Menschen in einen Wagon eingepfercht.
Die Aufseher und Wachmannschaften standen unter strengen Regeln – so war die Annahme von Geschenken, das Schlafen, das Rauchen sowie der Genuss von Alkohol während des Dienstes verboten. Allerdings hielten sie sich meistens nicht daran, da vor allem die Kontrolle von abgelegten Arbeitsstellen unmöglich war. Recht penibel wurde die Buchhaltung geführt, so dass unzählige Berichte abgefasst werden mussten, die jegliche kleine Veränderung registrierten. Ein anderer Beweis für dieses genauestens ausgedachte System ist die Lagerordnung für die Häftlinge. So war es den Wachmannschaften gestattet, sie auch wegen eines falschen Grußes zu bestrafen. Auf diese Weise war fast alles widerrechtlich, was die Gefangenen taten, so dass sie jederzeit ohne triftigen Grund erschossen werden konnten.

Diese Informationen erklären letztlich Hannas Weg zur SS. Auch sie wurde über ihre Arbeitsstelle bei Siemens angeworben und hat sich dann freiwillig gemeldet, wobei sie dies, wie es dem Leser dann später vermittelt wird, mehr aus Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin als aus ideologischer Überzeugung oder aufgrund besserer Arbeitsbedingungen tut. Hanna nimmt ebenfalls Selektionen vor und im Prozess wird ihr vorgeworfen, diese nach persönlichen Kriterien durchgeführt zu haben. Wie viele andere Aufseherinnen begleitet auch sie einen Todesmarsch, der dann mit dem Tod der Häftlinge in der brennenden Kirche endet. Allerdings wird im Roman nicht beschrieben, wie Hanna ihre Befehle ausgeführt hat, ob sie besonders grausam war oder nur das tat, was von ihr verlangt wurde. Zudem kann man sich nun ein konkreteres Bild von den Todesmärschen und den Arbeitsbedingungen der Aufseher machen.

Quellen: Wolfgang Sofsky-Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager; Gudrun Schwarz-Die nationalsozialistischen Lager