Universitätskritik im "Campus"

Über den ganzen Roman verteilt Schwanitz seine Kritik an dem an der Uni vorherrschenden Filz, an der Korruption der Hamburger Universitätsprofessoren. Wir haben nun versucht die Stellen des Romans, die diese Kritik verdeutlichen, herauszufiltern.

Hanno
Eigentlich kämpft Hanno Hackmann als einer der wenigen Professoren klar gegen die Korruption an seiner Universität an, was oft erwähnt wird. Dies wird auch in der Szene, die seine Trennung von Babsi beschreibt, deutlich. Am meisten Angst hat er vor dem Vorwurf der "Unzucht mit Abhängigen", die ihn in den Sumpf der Universitätskorruption ziehen würde (S. 64/S.77). Doch sogar Hanno ist nicht völlig "schuldfrei". Nachdem er erfährt, dass andere Lehrer ihren Studenten die Klausurthemen schon vorher geben, um den Schnitt ihrer Kurse zu verbessern, lässt er die Bewertung für die Klausuren hochsetzen (S.67).
Hanno verfährt bei der Annahme und Absage von Reden nicht danach, ob ihn die ihn bittenden Organisationen interessieren, sondern nur, ob sie ihm Ansehen (wie z.B. die Kirche) oder Spenden (wie z.B. der Rotary Club) einbringen können (S.58).

Bernie
Er ist nicht froh, seine "Gegner" ausgeschaltet zu haben, sondern ist der Meinung, dass man seine Feinde pflegen muss, da es viel einfacher ist, durch Verunglimpfung der Gegner als durch eigene, gute Politik positiv in die Schlagzeilen zu geraten (S.89/90).
Bernie sieht es als Selbstverständlichkeit an, dass sein Aufstieg nicht durch Leistung , sondern durch Bekanntschaften und Verbindungen (wie zum Justizsenator) entstand (S.27). Er zeigt auch oft, dass für ihn nur die Macht zählt, nicht der Weg diese zu erreichen (S.28/S.36/S.37).
So sieht er auch in dem Terroranschlag gegen die Universität selbst nichts Schlimmes, sondern nur darin, dass er ihm politisch schaden könnte (S.33). Ebenso denkt er auch im Fall Brockhaus nicht darüber nach, ob der Student zurecht angeklagt wird, sondern nur darüber, ob er politischen Nutzen aus dessen Rettung ziehen kann (S.40/S.41). Als er dann erfährt, dass er den Sohn des Senators gerettet hat, versucht er dies sofort so darzustellen, als ob er dies von Anfang an geplant hätte (S.144).
Bernie will weitere wissenschaftliche Bücher schreiben, jedoch nicht aus Interesse, sondern um sein Selbstwertgefühl als Professor zu steigern (S. 229).
Den Fall Hackmann will er nicht aufdecken, weil er den Fall der sexuellen Nötigung moralisch so unvorstellbar findet, sondern um Ansehen beim Senator zu finden (S.247/248). Dies wird weiter verdeutlicht, da er Hackmann nur verraten will, wenn er als Vizepräsident beim Senator vorgeschlagen wird (S.282).
Er kann seinen Präsidenten auch nicht mit politischen Argumenten, sondern nur mit Argumenten des Stils davon überzeugen, den Fall Hackmann öffentlich vor den Ausschuss zu stellen.

Präsident Schacht
Schacht verteilt Ehrendoktoren und geht Universitätspartnerschaften ein, um selbst geehrt zu werden und um positiv in den Schlagzeilen der lokalen Medien zu stehen, damit seine Wiederwahl gesichert ist (S.85).
Nachdem er anfangs noch den Fall Hackmann verdecken wollte, um keinen Dreck auf seiner Universität öffentlich zu machen, spricht er gegen Ende des Romans (S.371) davon, dass er das Verfahren gegen Hackmann als ein von ihm initiiertes Verfahren der Selbstreinigung sieht.

Kurtz
Kurtz wird auf Seite 154 als "Pate der Mafia" bezeichnet, er ist der eigentliche Chef der Universität und steht noch über dem Präsidenten. Er erhält gigantische Förderungen, die als "Ausländerhilfe" bezeichnet werden, da er wichtigen Senatsmitgliedern auf Staatskosten Luxusurlaub in seinen Feriengebieten anbietet, die als "internationale Treffen" getarnt werden (S.154/S.112).
Er geht ein Zweckbündnis mit der Frauenbeauftragten ein, um diese beiden Minderheiten (Ausländer und Frauen), die einen gemeinsamen Kampf führen, zu vereinen - obwohl "die Türken [..] die schlimmsten Machos [sind]", wie Tews, sein Assistent, selbst zugibt. Dieses Bündnis ist also lediglich ein egoistischer Versuch der Frauenbeauftragten und Kurtz´ ihre eigene Lage zu verbessern (S.122). Durch Verbindungen zum Fernsehen vermittelt er der Öffentlichkeit den Eindruck, dass seine Interessen, die nur von wenigen unterstützt werden, in riesigen Demos vertreten werden. (S.217/218/S.231).

Professor Schäfer
Er besorgt Alice ein Zimmer, um sie als Verbündete zu gewinnen, die Freundlichkeit aller Professoren ihr gegenüber spiegelt nur deren Hass auf die Rivalen (S.165).
Um seine Forschungen zu decken, verrät er den Fall Hackmann, der Uni-intern bleiben sollte, an die Presse (S.185).

Allgemein
Schon im ersten Kapitel wird das schlechte, korrumpierte Klima der Universität deutlich. Günter wird von Hackmann als "Hyäne" bezeichnet, er ist offensichtlich neidisch, denn obwohl er öffentlich Bewunderung für Hanno zur Schau stellt, flüstert er ihm Sticheleien ins Ohr (S.15/S.17).
Auch die Umwandlung von Assistenten in C2-Professoren zur Gewinnung von Wählern (S.36) und die Umbenennung von Fachbereichen als Zeichen der Revolution (S.38/39) zeigen den Schwachsinn des Unifilzes. Professoren sprechen sich mit Studenten ab und lassen somit Verfahren gegen diese zur Farce verkommen (S.47), und eine "Neue" wie Alice Hopfenmüller wird sofort in das Ränkespiel der Uni eingebunden, da jeder sie als Verstärkung zur Durchsetzung seiner Ziele zu gebrauchen versucht (S.43).
Auf Listenplätzen zur Besetzung von Professuren müssen die Professoren nun Frauen entweder auf den ersten Platz setzen oder gar nicht auf die Liste schreiben, da sonst der ihrer Meinung nach Beste (und männliche) ignoriert wird (S.94).
Die Rechte an dem Fall Hackmann werden von der Universität an das Journal im Austausch gegen Zeugenbestechung verkauft (S.307).
Alle beteuern Hanno nach dem Verfahren, dass sie an seine Unschuld glauben, jedoch sehen sie sich alle gezwungen ihn aus sämtlichen Ausschüssen und Räten zu entlassen (S.364/365).


In Schwanitz´ Roman sind, wie es Hanno schon treffend beschreibt, alle kleine[], ehrgeizige[] Schuft[e], [die] die Wahrheit [den eigenen] Ängsten und Zielen opfer[n]" (S.375). Sämtliche Figuren sind tief in den Filz der Universität verstrickt, keine ist frei von Schuld.

Matthias Henkel, Claudia Tecklenburg