Formen des Erzählens

Einleitend muss man festhalten, dass eine den kompletten Roman umfassende Analyse der literarischen Erzählmodelle den gesteckten Rahmen mehr als sprengen würde.
Vielmehr soll es darum gehen, literarische Erzählmodelle im Roman an expliziten Beispielen zu belegen.

Untersuchungen auf Erzählverhalten und Erzählformen

Im Folgenden soll untersucht werden, welche Erzählverhalten bzw. Erzählformen den Roman kennzeichnen. Ihr Auftreten soll an konkreten Beispielen belegt werden.

Man stellt fest, dass der Roman vom sog. auktorialen Erzählverhalten dominiert wird. Dies bedeutet, dass der Erzähler in das Geschehen direkt eingreift. Dies geschieht zum Beispiel durch Kommentare zu den einzelnen Vorgängen, durch Reflexionen und Urteile. Dieses Erzählverhalten ist unabhängig von der Erzählform.

Erzählform des Romans ist die sog. Er/Sie - Erzählung. Dies beweist sich durch die Tatsache, dass man im kompletten Roman nichts über den Erzähler als Person erfährt. Der Erzähler bekleidet lediglich die Rolle des Vermittlers der Geschichte.

Das identifizierte Erzählverhalten und die identifizierte Erzählform werden besonders am Beispiel der Seite 17, Zeile 14 - 23 deutlich:

  "Hanno nahm einen Schluck Wasser. Wer ihn kannte, wußte: Das war das Zeichen zum Endspurt. Jetzt begann die letzte Viertelstunde des Vortags. Eingerahmt von den Buchsbäumen und Deko- rationen des Festschmuckes, stand er auf dem intarsiengeschmückten Rostrum des historischen Renaissance - Saales, eine schlanke Gestalt im Smoking, und ließ seine warme Stimme in Wellen gepflegter Modulation über die Zuhörer rollen. Eine halbe Stunde lang schon hatte er sie mit dem Rauschen seiner Beredsamkeit eingelullt; sie folgten ihm jetzt überall hin und fraßen ihm aus der Hand."

In diesem Ausschnitt lassen sich oben angemerkte Modelle der Erzählform und des Erzählverhaltens erkennen. Die Erzählform ist die des Er/Sie-Erzählers; seine einzige Aufgabe ist die möglichst ausführliche Vermittlung der Ereignisse an den Leser. Über seine eigentliche Person ist nichts zu erfahren.
Das Erzählverhalten ist auktorial. Der Erzähler gibt Kommentare zum Vortrag Hackmanns ab, aber auch zu seiner Person selbst, bezeichnet ihn als "schlanke Gestalt" und seine Stimme als "warm".
Darüber hinaus ist der Erzähler omnipotent. Dies bedeutet, er hat nicht nur Einblick in die Gedankenwelt einer einzelnen Person, sondern vermag es, in die Gedanken sämtlicher Personen einzublicken. Diese Fähigkeit, die Omnipotenz, tritt an vielen Stellen des Romans auf.

Auktoriales Erzählverhalten dominiert, wie gesagt, den Roman. Zuweilen muss man jedoch feststellen, dass das Verhalten einzelner Personen und die Eindimensionalität ihres Denkens Züge des personalen Erzählverhaltens annehmen. Bei diesem Erzählverhalten schlüpft der Erzähler in die Rolle eines Charakters und erzählt aus dessen Sicht.
Ein Beispiel findet sich auf Seite 5, Zeilen 23, 24:

  "Sie war sicher im Bad. Wahrscheinlich noch im totalen Deshabille."

Es ist kein definitives personales Erzählverhalten, dennoch wird diese Situation, in diesem Falle eine Vermutung, eindimensional, dem Empfinden des Charakters Hanno entsprechend wiedergegeben.

Die in einer Person vorgehenden Gedanken in aufgezeichneter Form bezeichnet man als Gedankenstrom. Merkmale eines solchen lassen sich ebenfalls finden, wie zum Beispiel auf Seite 72, Zeile 14 -16:

  "Babsi betrat sein Büro und ließ sich wie immer auf dem Sofa nieder. Wahrscheinlich warf sie ihre Schuhe weg und zog die Beine hoch."

Dies sind aufgezeichnete Gedanken Professor Hackmanns, er hatte sich diese Szene im Kopf vorgestellt.

Der Erzähler wählt öfter die Form der erlebten Rede.
Hiermit werden, meist elliptisch, Empfindungen der Charaktere ausgedrückt. Ein sehr gutes Beispiel hierzu findet sich auf Seite 14, Zeile 32 - 34:

  "Gabrielle? Wo war Gabrielle? (...) Ob sie vielleicht gar nicht da war und in der U-Bahn auf ihn wartete?"

weitere Beispiele:

Seite 15, Zeile 23: "Hyäne!" (Empfindungsfluss von H. Hackmann)
Seite 175, Zeile 30: "Die Frauenbeauftragte Ursula Wagner!"

Der Erzählstandort wechselt in diesem Roman. Der Erzähler beschränkt sich in der sogenannten Aussensicht auf die äußerliche Darstellung der Charaktere. Die häufiger auftretende Innensicht ermöglicht, in die Personen hineinzublicken. Dies geschieht vorwiegend, die Charaktere werden mitsamt ihrer Gefühlswelt beschrieben.

Die Erzählhaltung des Erzählers lässt sich in diesem Roman als entweder komplett neutral bis distanziert betrachten. Distanziert deshalb, da er sich zuweilen ironisch als auch kritisch zu den Personen äußert.

Im Roman kommen sowohl direkte als auch indirekte Rede vor. Die vorkommende direkte Rede summiert sich auch im Dialog (Seite 77: Dialog zwischen Babsi und Hackmann)

Ein interessantes Modell des literarischen Erzählens findet sich auf Seite 154/155, Zeile 34 - 3 (155):

Es handelt sich dabei um einen Dialog, der von einer einzelnen Person wiedergegeben wird. Die Person schlüpft hierbei in die Rollen beider Gesprächspartner.

Unter dem zeitlichen Aspekt lassen sich folgende Tatsachen feststellen:

Die gesamte Handlung besitzt einen zeitlichen Rahmen , der in Tagen zusammenzufassen ist.

Szenen, die an einem Tag verlaufen werden minutiös beschrieben (z.B. Das Hearing)

Es finden verschiedene Szenen zur gleichen Zeit statt, laufen parallel (z.B. Die "Vergewaltigung" in Hackmanns Büro in Kapitel 4 auf der einen und die Sitzung mit Weskamp, Dr.Matte und Dr.Schmale in Kapitel 5 auf der anderen Seite)

Der abgeschlossenen Handlung schließt sich ein Epilog an, der 9 Monate später beginnt.

Lars Bechstein, Verena Gersch