Medienkritik im "Campus"

1. Das "JOURNAL":

Der Herausgeber der "ABENDPOST", Hirschberg, bezeichnet das "JOURNAL" als gefährliche neue Mutation der Presse, welche versucht, Menschen mit Affären herabzuziehen, und nicht mehr auf Leistungen achtet.
Dies und die Sensationsgier des Blattes zeigt sich in der Überschrift des ersten Artikels zur (angeblichen) Vergewaltigung: "DIE UNIVERSITÄT - EINE HÖLLE FÜR FRAUEN?", sowie in der Überschrift auf der Titelseite des "JOURNALS" vom Tag des Hearings: "EXAMEN GEGEN SEX: DIE PRÜFUNGEN DES PROFESSOR HACKMANN" (Seiten 207 und 337).
Des weiteren zeigt sich die Sensationsgier auch in dem Willen des Chefredakteurs, die Riezler-Tagebücher, auf die er Spuren in der Universität vermutet, zu veröffentlichen. Um diesen Spuren nachzugehen, beauftragt er Martin Sommer damit, in der Universität verdeckt als Student zu ermitteln. Durch einen dummen Fehler fliegt seine Tarnung auf (Martin Sommer zeigt in der Universitätsbibliothek seinen Presseausweis anstatt seines Studentenausweises) und in einem Gespräch mit Schäfer wird er von den Riezler - Tagebüchern abgelenkt und von Schäfer auf die Missbrauchsaffäre hingewiesen. Diese Geschichte spielt auf die Schtonk - Affäre an, als der "STERN" die gefälschten Hitlertagebücher veröffentlicht hat und so zum Gespött der Medien wurde. (Kapitel 9, 177ff)
Martin Sommer bekommt das Protokoll vom Gespräch Bernie Weskamps mit Babsi C. zugespielt und beginnt nun, verschiedene Personen der Universität zu befragen und bringt einen Stein ins Rollen. Während Bernie Weskamp unbedingt die Geschichte der Öffentlichkeit vorenthalten möchte, vertritt die Frauenbeauftragte Frau Dr. Wagner den Standpunkt, dass die Öffentlichkeit unbedingt informiert werden muss, daher ist Bernie auch davon überzeugt, dass sie der Presse das Protokoll zugespielt hat. Auch Babsis Mutter wird von Martin Sommer angerufen, wobei sie noch gar nicht weiß, was ihrer Tochter widerfahren ist. Sie erzählt Martin Sommer von Barbaras Kindheit und ihrer Schauspielbegabung. (Kapitel 9). Aus diesen Informationen strickt sich Martin Sommer seinen ersten Sensationsartikel mit dem Titel "DIE UNIVERSITÄT - EINE HÖLLE FÜR FRAUEN?"
Auch wichtig ist die Tatsache, dass Martin Sommer und der Chefredakteur des "JOURNALS" den Bauarbeitern, die Zeugen des Geschlechtsaktes von Hanno und Babsi waren, eine größere Geldsumme bieten, um die Exklusivrechte ihrer Geschichte zu bekommen. Auf deren Aussagen stützt sich dann auch Martin Sommers Artikel am Tag des Hearings, ebenso sagen die Bauarbeiter nun auch vor dem großen Disziplinarausschuss der Universität Hamburg aus.

2. Der Student und Journalist Martin Sommer:

Martin Sommer ist Student der Germanistik an der Universität Hamburg. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an dem er seine Prüfung hat - seine Aufgabe ist es, eine Arbeit über die Semantik zu verfassen. Er schafft es nicht auch nur einen Satz zu schreiben und läuft aus der Uni hinaus und in eine Kneipe. Dort trifft er einen Freund, Manfred, den er länger nicht mehr gesehen hat. Manfred ist Reporter beim "JOURNAL" und überredet Martin Sommer dazu, zum Chefredakteur des "JOURNALS" zu gehen. (Kapitel 7, 124 - 132)
Durch Zufall stellt sich heraus, dass sowohl der Chefredakteur als auch Martin Sommer aus Kamen im Ruhrgebiet stammen und auf die gleiche Schule gingen. Nach einigem Hin- und Hergerede wird Martin Sommer als Journalist eingestellt. Sein erster Auftrag ist die Suche nach den Riezler - Tagebüchern, über die der Chefredakteur Spuren an der Hamburger Universität vermutet. Da hilft es natürlich auch, dass Martin Sommer im Nebenfach Geschichte studiert. (Kapitel 7, 145 - 152) Seine Tarnung fliegt jedoch auf, als er bei einer Ausleihe in der Universitätsbibliothek seinen Presseausweis vorzeigt. (Kapitel 8, 169 - 170). Nun recherchiert Martin Sommer in der Missbrauchsaffäre und schreibt die Berichte für das "JOURNAL". Im Epilog erfährt man noch, dass Martin Sommer beim "JOURNAL" gefeuert wurde, weil er nicht weiter nach den Riezler - Tagebüchern recherchiert hat. Dafür findet er Anstellung bei der "ABENDPOST".

3. Zur Person Riezlers:
(Informationen von home.t-online.de/home/702800011824-0001/camp12.html)

Kurt Riezler wurde 1882 geboren. Nach seiner Berufung in das Pressereferat des Auswärtigen Amtes und seiner Versetzung in die Reichskanzlei (1906, 1909) pflegte er enge Kontakte zum damaligen Reichskanzler Bethmann Hollweg, als dessen Vertrauter und politischer Berater Riezler später bezeichnet wird. Seine Erlebnisse und Erkenntnisse schrieb Riezler in Tagebüchern ("Blaue Hefte") nieder. Kurt Riezler starb 1955, trotz seiner Testamentverfügung, die Tagebücher zu verbrennen, wurden diese von seinem Bruder Walter Riezler aufbewahrt.

 

 

 

 

4. Die "ABENDPOST"



Die "ABENDPOST" ist im Gegensatz zum "JOURNAL" eine etablierte und renommierte Zeitung. Sie verfolgt allerdings ebenso eigene Ziele und ist nicht an der Wahrheit interessiert. Aus diesem Grunde ist sie genauso als intrigante Zeitung zu sehen.
Die "ABENDPOST" taucht erstmals in Kapitel 15 auf, als deren Chefredakteur Hirschberg Hanno auf Zitkaus Beerdigung auf die Turbulenzen in der Universität anspricht. Hanno hält ihn zunächst für eine weiteren Sensationsreporter, der die Auflage mit diesem Skandal steigern möchte. Doch dann erklärt Hirschberg sein Interesse an dieser Story. Er möchte Bülhoff als Lügner entlarven und ihm somit als Chefredakteur des "JOURNALS" das Genick brechen. Das würde zunächst einen Konkurrenten weniger bedeuten und zum anderen "einen Aasgeier weniger," wie Hirschberg sich ausdrückt (269,28). Das "JOURNAL" ist für ihn das Beispiel für eine veränderte Form der Sensationspresse. Diese Form der Presse macht auch vor der seriösen Politik nicht halt. Das wiederum führt dazu, dass sich für die eigentliche Politik niemand mehr interessiert und seriöse Journalisten, wie die der "ABENDPOST", keine andere Wahl haben als ebenfalls diese Art von Journalismus zu betreiben, damit Notiz von ihnen genommen wird. Dies zu verhindern ist Hirschbergs Hauptmotiv.
Hanno sieht in Hirschberg seine letzte Rettung. Bei einem weiteren Treffen in Kapitel 17 vertraut er sich ihm an. Er ist nicht sonderlich überrascht, da er etwas Ähnliches bereits ahnte. Hirschberg wirkt durch seine lange journalistische Erfahrung routiniert und rät Hanno alles abzustreiten und sich nicht in Halbwahrheiten zu flüchten. Als er von den Bauarbeitern erfährt, sorgt er zumindest für eine kurzfristige Einschüchterung der Zeugen, die allerdings doch aussagen. Sie werden von Journalisten der "ABENDPOST" auf unterlassene Hilfeleistung hingewiesen.
Die "ABENDPOST" ist entgegen dem Zeitgeist die einzige Zeitung, die sich für Hanno einsetzt. Nachdem Hanno die Opferrolle eingenommen hat, stellt Hirschberg sogar den beim "JOURNAL" entlassenen Martin Sommer ein, da er von ihm die Story über den Deal zwischen Bernie und den Bauarbeitern bekam. Die "ABENDPOST" wollte Hannos Ruf, soweit es möglich ist, wiederherstellen. Doch dieser verzichtete.

5. Das Fernsehen

Das Fernsehen wird in Schwanitz' "Der Campus" als äußerst leicht zu manipulierendes Medium dargestellt. Deutlich wird dies in der Szene, als Herbert Kurtz, genannt "Sahib", eine kleine Demonstration für die Rechte der Frauen organisiert. Er selbst ist insgeheim derjenige, der in der Universität die Macht hat. Daher hat er sich auch mit Brigitte Schell von den Theaterkursen zusammengeschlossen, um jederzeit auf eine gewisse Anzahl von Personen für Demonstrationen zurückgreifen zu können.
Da die Anzahl der Personen, die an dieser Demonstration teilnehmen, jedoch viel zu gering ist, ruft er einen gewissen Holischek des NDR an, um ihm zu erläutern, wie er die Demonstration gerne abends in den Nachrichten sehen möchte. Schöne Aufnahmen, bei denen nicht zu erkennen ist, wie viele Personen eigentlich teilnehmen.
Abgesehen davon lässt er sogar noch den Text formulieren, der anschließend bei der "Landesschau" dazu verlesen werden soll.
Dies ist eine eindeutige Kritik am Medium Fernsehen, ist doch eine außenstehende Person fähig, einfach dessen Programm zu bestimmen, aus welchen Gründen auch immer. Gerade da es hier um Nachrichten geht, ist es ähnlich wie bei den Zeitschriften zu sehen: was geschrieben (oder gesendet) wird, hängt mitunter auch von Drittpersonen ab, die lediglich ihre eigenen Interessen verfolgen, was letztlich zu einer vollkommen unrealistischen Vermittlung von Nachrichten ausufert und damit die Sender unglaubwürdig macht.

Ein weiterer Punkt, der sich negativ für das Fernsehen auslegen lässt, findet sich in Hannos Werdegang. Er äußert sich innerhalb einer Sendung negativ über das Leistungssystem der Universität, macht sich dadurch und durch seine allgemein schon recht hohe Popularität zum Gegenspieler des Universitätspräsidenten, welcher nur an seiner eigenen Karriere interessiert ist, um Leistungskontrollen der Stundenten kümmert er sich nicht. Dadurch ist Hannos Aussage im Fernsehen für ihn ein Schlag ins Gesicht und auch ein Grund die Kampagne gegen Hanno zu unterstützen.
Hier wird eine weitere Eigenschaft der Medien deutlich - Presse und Medien können aufbauen und vernichten, ganz wie der Wind gerade weht. Hannos Ruf als leistungsbewusster Universitätsprofessor wurde durch Auftritte im Fernsehen gestärkt, und anschließend konnte dieser tadellose Ruf wieder gegen ihn verwendet werden.
Obwohl dazu gesagt werden muss, dass Hanno zunächst ins Fernsehen gebracht werden sollte, um die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs zurückzuweisen (bevor alles derart ausgeufert ist und noch versucht wurde den Ruf der Universität zu wahren). Schmale, der Leiter des Rechtsreferats, ruft Bernie persönlich an, um ihm vorzuschlagen, Hanno ins Fernsehen zu schleifen, da er wie "das Gegenteil der sexuellen Nötigung" wirken solle. (S. 232) Dies ist insoweit Kritik am Fernsehen, als die Führungsspitze der Universität dieses Medium zu eigenen Zwecken gebrauchen will. Genauso wie Kurtz es zuvor für seine Demonstration genutzt hat, will die Leitung es jetzt zum Eindämmen der Vorwürfe nutzen (zumindest vorerst, bis sich herausstellt, dass Hanno die Beziehung mit der Studentin hatte - wenn auch kein Missbrauch vorlag!)

Timo Hauge, Christian Kneip, Benjamin Syska