Sprachanalyse

Die Novelle "Bahnwärter Thiel" von Gerhart Hauptmann ist in Prosa geschrieben. Dies ist die Bezeichnung für die nicht durch Vers und Reim gebundene Sprache. Darin zu finden sind die Sprech- und Schreibweisen des Alltags und der Wissenschaft. Die rhythmisierte Prosa wird heutzutage oft als Ausdrucksweise der Lyrik benutzt.

Charakteristisch für diese Stilform sind präzise Beobachtungen, äußerste Genauigkeit und strenge Objektivität, daher auch die Verwendung vieler erläuternder Adjektive, wie zum Beispiel die Beschreibung der Natur im "Bahnwärter Thiel".

Auch die langen Milieubeschreibungen vor allem bei Dramen und die meist geringe Personenzahl (Hauptpersonen nur: Bahnwärter Thiel, Minna, Lene, Tobias) sind typisch für diese Zeit. Zusätzlich ist es wichtig, den im Naturalismus vorkommenden "Sekundenstil"1 zu erwähnen. Er beschreibt "die Zeit der Handlung in der Zeit des Lesens". Demnach sollte man genauso viel Zeit mit dem Studieren des Buches verbringen, wie der Verlauf der dort geschehenen Handlung dauert. Personen und deren Eigenarten werden so mit äußerster Genauigkeit dargestellt (s. S.2 Zeile 18- S.3 Zeile 6 ; die äußerst genaue Beschreibung seiner neuen Frau Lene).

Um die Gedanken der handelnden Personen darzustellen, werden oft symbolische Naturbeschreibungen verwendet; sie werden nicht wie beispielsweise im klassischen Drama mit Monologen ausgedrückt. (Beispiel S.23; Thiel und Tobias wandern an den Schienen entlang, die Sonne scheint, die Vögel singen, beide empfinden Glück). Um die Natur wirklichkeitsgetreu darzustellen, verwendet Hauptmann oftmals lange, verworrene Sätze, die für den Leser aufgrund ihres verschachtelten Satzbaus oftmals schwer verständlich sind. (Beispiel S.15, Zeile 7-12; "Der Hilfswärter, ein infolge des bei seinem Dienst [...], dessen große Nummer schwarz auf weiß weithin durch die Stämme leuchtete.")

Die Sprachhaltung im Naturalismus wird meist durch Alltags- und Umgangssprache charakterisiert. Dieses Merkmal kommt jedoch in Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" nur teilweise oder gar nicht zum Ausdruck. Er verwendet in den wenigen direkten Reden Thiels ( nur ca.15 Stück) das Schriftdeutsch, obwohl die Handlung sich in einem eher ländlichen Milieu abspielt.

Typisch für die Hauptperson Thiel ist sein gelegentliches Stammeln und Stottern (Beispiel S.28, Zeile 9-17), was man als Alltagssprache verstehen könnte.

Hauptmann verwendet auch viele Worte, die im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr üblich sind, so zum Beispiel "kirre", "mahnen", "Läppschereinen" oder "Plautze".

 

Ebenso sind viele Stilfiguren in der Novelle wiederzufinden:

Wiederholung:

"Zum Bahnarzt, zum Bahnarzt", tönt es durcheinander; (S.25, Z.36)

Inversion:

Sie zu durchwalken war Thiel trotz seiner sehnigen Arme nicht der Mann.(S. 6, Z.40)

Exklamation: "Du erbärmlicher,..., feiger, gemeiner Lümmel." (S.14 Z.1-2)
Vergleich: Der Wald rauschte wie eine Meeresbrandung. ( S.18 Z.27)
Rhetorische Frage: "Ihr wollt also schon wieder heiraten?" (S.5 Z.40)
Paranthese: Jesus Christus- war er blind gewesen. ( S.24 Z.32)
Anapher: Zwei Jahre saß das junge, zarte Weib...; zwei Jahre blickte ihr hohlwangiges... in das uralte Gesangsbuch. (S. 5 Z.19-23)
Hyperbel: Erst dumpf und verhalten grollend, wälzte er sich näher in kurzen, brandenden Erzwellen, bis er, zu Riesenstössen anwachsend sich endlich, die ganze Atmosphäre überflutend, dröhnend, schütternd und brausend entlud. (S.18 Z.37-41)

 

Diese hier aufgeführten Stilfiguren gebraucht der Autor unter anderem mit der Absicht das soziale Umfeld der Hauptpersonen naturalistisch genau zu beschreiben.

Auffällig ist auch noch, dass er zur Erzeugung von Spannung am Höhepunkt der Geschichte ( S.25 ab Z.4 ) vom Imperfekt ins Präsens wechselt, was der ganzen Geschichte mehr Realitätsnähe und dem Leser das Gefühl der Integriertheit gibt.


1 Wirklichkeitskopierende Technik des Naturalismus, die kleinste Bewegungen, Gesten und Geräusche in minuziöser Beachtung ihrer zeitlichen Abfolge nachzeichnet und z.B. den Dialog des Dramas ständig durch die entsprechenden Regieanweisungen unterbricht (Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1955)