Bahnwärter Thiel - Rezension

Emotionen ganz rational

 

"Allsonntäglich saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau, ausgenommen die Tage an denen er krank war und zu Bett lag. Im Verlaufe von zwei Jahren war er zweimal krank gewesen."

So beginnt Gerhart Hauptmanns "novellistische Studie" Bahnwärter Thiel, die 1887 entstand. Diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Bezeichnung des naturalistischen Werkes erschließt sich aus der Prämisse unter der diese Novelle entstand. Gemäß der literarischen Leitvorstellung des Naturalismus` will Hauptmann seinen Protagonisten Thiel tatsächlich "studieren", sein Verhalten und Emotionen nahezu analytisch betrachten. Er will sich und den Lesern begreifbar machen, wie aus dem soliden, beflissenen Bahnwärter, den, wie es zunächst scheint nichts so schnell aus der Bahn werfen kann, ein Fall für die Psychiatrie werden kann. Er will veranschaulichen, wie sensibel und anfällig doch die menschliche Seele ist.

Ich denke, Hauptmanns Werk muss sich daher vor allem am Grade der Objektivität und des Realismus` in der Darstellung des Bahnwärters und seiner Umwelt gemessen werden. Schließlich sahen die Naturalisten die "ästhetische Wirkung" ihres Schaffens vor allem in der "Größe der Naturwahrheit", wie es die Schriftstellervereinigung "Durch!" 1886 formulierte.

Oder wie es Arno Holz auf den Punkt zu bringen wusste: "Kunst = Natur – X"

Sprich: Für Hauptmann galt es das "X", die Verfälschung der absolut objektiven Realitätsdarstellung, "gegen 0 gehen zu lassen" (Man möge dem Rezensenten an diesen Verfall ins Mathematendeutsch vergeben), um dadurch ein Höchstmaß an "Natur" und somit "Kunst" zu erhalten.

Um die "Natur möglichst unverfälscht darzustellen, setzt Hauptmann auf die intersubjektiven Möglichkeiten des personalen Erzählers. So erfährt der Leser beispielsweise sowohl durch den Pfarrer als auch durch die Dorfmitbewohner so einiges über den Bahnwärter, was erheblich zu dessen facettenreicher Darstellung beiträgt. Zusammen mit Hauptmanns präziser, teils auch amüsant pointierter Sprache entsteht so ein klares und verständliches Bild des "Studienobjekts". Um des Bahnwärters teilweise starke geistige Befangenheit zum Ausdruck zu bringen, verwendet Hauptmann eine düstere Symbolik. So erscheint ihm beispielsweise der Zug in Gestalt eines schwarzen schnaubenden Ungeheuers.

Diese irreale Symbolsprache steht jedoch nicht im Gegensatz zu der ansonsten eher sachlichen "Naturbeschreibung". Vielmehr lässt Hauptmann durch diese Symbolik Platz zur Interpretation. An diesen Stellen ist auch der Autor überfragt, hier gehen psychologische Vorgänge in Thiel vor, deren Deutung jedem Einzelnen überlassen ist.

Zusammenfassend entsteht so ein fast objektives, nahezu unverfälschtes Bild, eines von seinen Trieben und seiner Psyche bestimmten Menschen, der sich durch eine Verkettung verschiedener gar nicht mal so großer Umschwünge in seinem Leben sukzessive völlig verändert.

 

von Dennis Neumann