Personencharakteristik und -konstellation

 

Bahnwärter Thiel:

Gerhart Hauptmann beschreibt seinen Protagonisten als einen Mann mittleren Alters von "herkulischer Gestalt" (S.5, Z.17-18), was besagt, dass er äußerst kräftig ("breiter behaarter Nacken", S.5, Z.31) gebaut ist. Seine Haut ist sonnengebräunt und die roten Haare trägt er "wohlgeölt und militärisch gescheitelt". Des Weiteren deutet seine saubere Sonntagsuniform mit den blank geputzten Knöpfen, die er regelmäßig zur Kirche trägt, auf einen ordnungsliebenden, gesunden und frommen Menschen aus der Arbeiterschicht hin. Sein robustes äußeres Erscheinungsbild steht im Kontrast zu seinem Inneren. In Wirklichkeit ist Thiel ein sensibler, liebenswerter und emotionaler Mensch. Seine innere Zuneigung zu seiner verstorbenen Frau Minna, deren Tod er nie überwunden hat, und zu seinem Sohn Tobias, der ihn an seine Frau erinnert, verdeutlichen diese Charakterzüge, ebenso wie die Tatsache, dass die Kinder der Kolonie ihn liebevoll "Vater Thiel" (S.11, Z.18) nennen. Zudem hat er für Tobias ein Sparbuch angelegt, was unter anderem zeigt, dass er seine ganze Hoffnung in seinen Jungen legt.
In seinem Inneren verbirgt sich jedoch auch eine andere Seite. Thiel ist hin- und hergerissen zwischen seiner verstorbenen Frau, die er liebt, und Lene, der er sexuell verfallen ist (S.14, Z.29, ff.). Ersteres drückt sich in seinen kultähnlichen Handlungsweisen, mit denen er Minna gedenkt, aus. So hat er für sie in seinem Bahnhäuschen einen Altar (S.8 Z.13ff) errichtet und führt regelmäßige Zwiegespräche mit der Toten. Manchmal gerät er in eine solche Ekstase, dass er die Tote leibhaftig vor sich sieht. Die Tatsache, dass er von seiner zweiten Frau abhängig ist, lassen ihn Ekel vor seinem Zustand und seiner Ohnmacht, die ihn daran hindert, sich gegen Lene aufzubäumen, empfinden (S.8. Z.3-6). Seine verworrenen (Tag-)Träume zeigen seine psychische Labilität und seine tiefsten inneren Ängste (z.B. seinen Sohn zu verlieren, S.18). Am Ende bricht die ganze aufgestaute Wut über erlittene Erniedrigungen und die Erschütterung über den Tod des geliebten Jungen aus ihm heraus. Er verfällt dem endgültigen Wahnsinn und tötet in einer gewalttätigen Kurzschlusshandlung Lene und sein zweitgeborenes Kind, was den totalen psychisch-physischen Zusammenbruch Thiels zum Vorschein bringt.

 

Minna:

Minna, Thiels erste Frau, wird als schmächtig und kränklich aussehendes "Frauenzimmer" beschrieben (S.5, Z.14ff.), die somit im Gegensatz zu Thiels Äußeren steht. Die junge Frau stirbt nach zweijähriger Ehe, kurz nach Tobias Geburt. Ihr letzter Gedanke gilt ihrem Neugeborenen, was auf ihre Liebenswürdigkeit und ihre starken Muttergefühle hinweist. Obwohl sie körperlich nicht mehr gegenwärtig ist, spielt sie eine große Rolle in den immer wiederkehrenden Gedanken und Träumen des Bahnwärters. Dadurch gibt sie Thiel die nötige Kraft und den Halt im Alltag. Andererseits verstärkt Minna durch ihre "Präsenz" Thiels Zerrissenheit.

 

Lene:

Lene bildet zu Minna einen deutlichen Widerpart. Äußerlich passt sie viel besser zu dem schwerfälligen Bahnwärter, da sie von gleicher Statur ist (S.5, Z.36). Thiel hat diese geheiratet, da er der Ansicht ist, dass sein Sohn eine Mutter benötige. Sie ist eine "unverwüstliche Arbeiterin" und eine "musterhafte Wirtschafterin" (S.6, Z.26). Sie wird als hart, herrschsüchtig, zanksüchtig, tyrannisch und brutal dargestellt (S.6, Z.29ff.), was sich deutlich in ihrem Verhalten gegenüber Thiel und Tobias äußert. So wendet sie sich nach der Geburt ihres eigenen Kindes nur mehr diesem zu und misshandelt Tobias, wenn Thiel bei der Arbeit ist. Erst als es zu spät ist, vollzieht sich mit ihr ein Wandel (S.31, Z.36). Lene kümmert sich nach dem Tod des kleinen Tobias liebevoll um ihren Ehemann. Vielleicht ahnt sie, dass eine Katastrophe über sie hereinbrechen wird, und versucht diese durch ihre guten Taten zu verhindern.

 

Tobias:

Tobias hat erst gegen Ende seines zweiten Lebensjahres notdürftig sprechen gelernt. Er wird von seinem Vater sehr geliebt, da er für ihn die einzige wirkliche Erinnerung an Minna ist und in diesem ein Stückchen glücklicherer Vergangenheit weiterlebt. Tobias leidet stark unter der fehlenden Mutterfigur in seinem Leben, denn Lene, die keine Gefühle für ihn zeigt und ihn sogar misshandelt, kann er nicht als solche annehmen. Dies könnte auch der Grund für seine zurückgebliebene Entwicklung sein. Seine einzige seelische Stütze ist sein Vater, dem er jedoch nicht anvertraut, wie schlecht er von seiner Stiefmutter behandelt wird. Sein Tod stellt den ausschlaggebenden Grund für Thiels Kurzschlussreaktion dar.

 

Pfarrer:

Der Pfarrer steht unter anderem für die übrigen Menschen in Thiels Umgebung (Bahnpersonal und Koloniebewohner), die ein einfaches und anspruchloses Leben führen, in dem alles seine Ordnung hat. Der Pfarrer ist der Meinung, dass Thiel viel zu schnell wieder heiratet, nachdem seine erste Ehe so unglücklich endete (S.5, Z.40ff.). Anstatt ihm in seiner Funktion als Pfarrer Trost und Anteilnahme zu spenden, hört Thiel von diesem nur Bedenken. Erst als Thiel ihn auf seinen Sohn hinweist, der sonst ohne Mutter aufwachsen würde, werden seine Bedenken zerstreut.

 

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