Naturalismus im "Bahnwärter Thiel"
Die Schriftsteller des Naturalismus, also auch Gerhart Hauptmann haben es sich zur Aufgabe in ihren Stücken gemacht, die Wirklichkeit möglichst naturgetreu abzubilden. Neben einer möglichst genauen Wiedergabe der Natur hat der Naturalismus auch viele andere Merkmale, die mit dieser Grundidee zusammenhängen.
Ein typisches Merkmal ist zum Beispiel der "Sekundenstil". Der "Sekundenstil" ist eine Technik, mit der jede kleinste Bewegung und Geste minutiös dargestellt wird. Hauptmann gebraucht auch im "Bahnwärter Thiel" gelegentlich den "Sekundenstil". So wird zum Beispiel der Unfall von Tobias in der Art dieses Stils knapp beschrieben. Ein weiteres typisches Merkmal des Naturalismus in der Literatur ist die Milieuzugehörigkeit der Hauptpersonen. Um die Wirklichkeit naturgetreu darzustellen, spielen vor allem Alltagsmenschen (Arbeiter, Kleinbürger) oder Ausgestoßene (Alkoholiker, Kranke, Geistesgestörte) die Hauptrollen bei den Literaten des Naturalismus. Auch Gerhart Hauptmann wählt für seine Novelle eine Hauptperson aus niedrigem Milieu. Der Beruf des Bahnwärters ist sozial nur gering angesehen. Die Ausbildung dauert nur sehr kurz, meistens nicht länger als sechs Monate. Gegenüber der hohen Verantwortung, die mit diesem Beruf verknüpft ist, ist der Lohn sehr gering. Die geringe Personenzahl in Hauptmanns Novelle ist ebenfalls charakteristisch für den Naturalismus.
Natürlich spielt auch die Sprache eine bedeutende Rolle, um die Wirklichkeit darzustellen. So verwenden die naturalistischen Literaten hauptsächlich eine Alltagssprache, die durch Stottern, Stammeln und Dialekt gekennzeichnet ist. Die Hauptperson in Hauptmanns Novelle macht sehr wenige Aussagen, die jedoch auch dann oft nur gestammelt sind. Dialoge sind im "Bahnwärter Thiel" eigentlich kaum zu finden. Dies ist sehr erstaunlich, weil gerade der Dialog ein sehr geeignetes Mittel ist, um die Realität naturgetreu darzustellen und die Naturalisten gerade auf dieses Mittel der Wirklichkeitsabbildung im Allgemeinen kaum verzichten. Im "Bahnwärter Thiel" wird der Dialog jedoch nur angedeutet (4,28f.,...).