Im Allgemeinen ist der Naturalismus eine Bezeichnung für jegliche Art von Literatur, die ohne Stilisierung, Überhöhung oder Beschönigung außersprachliche Wirklichkeit exakt abzubilden sucht. Im Besonderen benennt der Begriff eine europäische Literaturströmung der Moderne zwischen 1870 und 1900, die auf eine naturgetreue Widerspiegelung der empirisch erfassbaren Realität abzielte und eine bis dahin unbekannte Hinwendung zur sozialen Umwelt (vor allem der ärmeren Bevölkerungsschichten) vollzog. Der Naturalismus ist eine Richtung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die, im Gegensatz zum Idealismus, ein möglichst genaues Abbild des wirklichen Lebens schaffen und photographisch getreu, die Wirklichkeit des Geschehens sichtbar machen wollte. Er ging aus von dem materialistischen Positivismus und schilderte den Menschen in seiner Abhängigkeit von seinem Milieu und seiner Erbanlage. Der kräftigste, um alles Formerbe unbekümmerte Stil bevorzugte besonders die dunklen Seiten der Wirklichkeit. Der Hauptvertreter des französischen Naturalismus ist E. Zola: "Die Kunst ist ein Stück Natur, gesehen durch ein Temperament". In Russland erhielt die naturalistische Darstellung bei Dostojewskij und Tolstoj einen religiösen Hintergrund, in Skandinavien wurde sie mit einem ethischen Idealismus verbunden. In Deutschland war der Naturalismus eine Übersteigerung des deutschen Realismus. Vorläufer sind schon Hebbel, Büchner und Fontane. Der Mittelpunkt des deutschen Naturalismus war Berlin, wo der Kreis der "Freien Bühne" sich um ein naturalistisches Aussehen bemühte. Arno Holz begründete die naturalistische Lyrik. Die gültigen Werke des deutschen Naturalismus sind die Dramen von Gerhart Hauptmann. Schon vor dem ersten Weltkrieg wurde der Naturalismus durch Symbolismus und Neuklassizismus angezweifelt, dann durch den Expressionismus überwunden. Nach dem zweiten Weltkrieg wirkte der Naturalismus von Amerika teilweise auf Europa zurück.
Positivismus ist eine Bezeichnung für die Wissenschaft und Philosophie, die ihre Forschung auf das "Positive", d.h. auf das Tatsächliche und Wirkliche beschränkt.
Der Positivismus lehnt alles das als unwissenschaftlich ab, was nicht beobachtbar ist und nicht durch wissenschaftliche Experimente erfasst werden kann. Demnach beruft sich der Positivismus allein auf Erfahrung und erklärt jegliche Metaphysik als unmöglich und nutzlos. Ethische sowie religiöse Fragestellungen werden ebenso als unwissenschaftlich abgelehnt. Der Positivismus geht sowohl von der Selbständigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts als auch von der Selbständigkeit des Humanitätsbegriffs (Humanität = Menschlichkeit) aus.
Der Begriff des Positivismus stammt von dem französischen Philosophen und Soziologen August Comte (1798-1857). Mit diesem Vertreter erreichte die Strömung des Positivismus ihren Höhepunkt.
Georg Büchner wurde am17.10.1813 in Goddelau bei Darmstadt als Sohn eines Arztes geboren. Er studierte Medizin, Naturwissenschaften, Philosophie und Geschichte. In Gießen schloss er sich der radikalpolitischen Freiheitsbewegung an. Er gründete 1834 die "Gesellschaft für Menschenrechte", um die reaktionären Verhältnisse in Hessen zu ändern. 1835 flüchtete er wegen seiner Flugschrift "Der Hessische Landbote" und wurde Dozent für Anatomie in Zürich.
Er starb im Alter von 23 Jahren am 19.2.1837.
Büchner war deutscher Dichter und der bedeuternster Bahnbrecher des neuen Dramas zwischen Romantik und Realismus. Er verwendete bereits naturalistische und expressionistische Elemente. Er hatte eine tragisch-pessimistische Weltanschauung. So war er bedrängt von Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz.
Werke:
- Der hessische Landbote (Flugschrift, 1834)
- Dantons Tod (Drama, 1835)
- Woyzeck
- Leonce und Lena (Lustspiel)
- Lenz (Novellenfragment, 1836)
Er wurde in Neuruppin am 30.12.1819 geboren. Er stammte aus einer in Preußen heimisch gewordenen Hugenottenfamilie. Sein Vater war Apotheker. 1827 zog die Familie nach Swinemünde um. 1832 besuchte er das Gymnasium in Neuruppin, danach die Gewerbeschule in Berlin. Dort war er von 1836 bis 1840 Apothekerlehrling. Nach seiner soldatischen Dienstzeit reiste er 1844 nach England. Danach wurde er Apotheker in Berlin. 1847 absolvierte Fontane sein Pharmazeutenexamen, gab jedoch den Beruf als Apotheker zwei Jahre später wieder auf. 1859 war er mit Unterbrechungen freier Mitarbeiter im Büro eines Ministeriums. Sein Leben war von vielen wirtschaftlichen Problemen gekennzeichnet.
Von 1855-1859 war er Berichterstatter deutsch-englischer Korrespondenz in England. Von 1860-1870 hatte er den Posten eines Redakteurs der konservativen Berliner "Kreuz-Zeitung" inne. Zusätzlich war er 1864,1866 und 1870/1871 Kriegsberichterstatter. Als vermeintlicher Spion wurde er 1870 in Domremy festgenommen, jedoch durch die Intervention Bismarcks freigelassen. Die weiteren 19 Jahre verbrachte er als Theaterkritiker der "Vossischen Zeitung". Nach seinen Reisen durch Frankreich und Italien wurde er 1876 Sekretär der Akademie der Künste in Berlin und freier Schriftsteller. Erst im hohen Alter wurde er zu einem Meister des realistischen Romans, der seine schriftliche Laufbahn mit volkstümlichen historischen und gegenwartsbezogenen Balladen begann. Nach historischen Romanen fand er als Siebzigjähriger mit Gesellschaftsromanen aus dem Berliner Leben seine eigentliche Domäne. Liebes- und Eheprobleme stellte er mit meisterhaftem Realismus und unaufdringlicher Psychologie dar und seine verwendeten Charaktere wirken durch die Einbeziehung von ironischen Elementen glaubwürdig. Theodor Fontane starb am 20.9.1898 in Berlin.
Werke:
- Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862- 1882)
- Vor dem Sturm (Roman, 1878)
- L`Adultera (Novelle, 1882)
- Schach von Wuthenow (Erzählung, 1883)
- Unterm Birnbaum (Roman, 1885)
- Irrungen, Wirrungen (Roman, 1888)
- Unwiederbringlich (Roman, 1891)
- Frau Jenny Treibel (Roman, 1892)
- Effi Briest (Roman, 1895)
- Der Stechlin (Roman, 1899)
Als Sohn eines Maurers wurde Christian Friedrich Hebbel am 18.3.1813 in Wesselsbuhren (Dithmarschen) geboren. Nach einer ärmlichen Jugend wurde er Maurerlehrling und Amtschreiber. Seit 1835 lebte er in Hamburg, wo er Gönner und die aufopfernde Liebe der Näherin Elise Lensing fand. Von 1836 - 1839 studierte er in Hamburg und München unter äußerst dürftigen Verhältnissen. Bei seinem Aufenthalt in Paris 1843/44 machte er mit Heinrich Heine Bekanntschaft. Nach seinem Studium und den Reisen lebte er seit 1845 in Wien, wo er die Hofschauspielerin Christine Enghaus heiratete. Als herber, aber auch grösster deutscher Dramatiker des 19. Jahrhunderts waren die Hauptthemen seiner Ideendramen der Kampf der beharrenden mit den vorwärtsstrebenden welthistorischen Kräften, die seelische Einsamkeit, die Spannung zwischen den Geschlechtern und das Verhältnis von Ich und der Welt. Hebbel starb am 13.12.1863 in Wien.
Werke:
Dramen:
- Judith (1841)
- Genoveva (1843)
- Maria Magdalena (1844)
- Herodes un Marianne (1850)
- Agnes Bernauer (1855)
- Gyges und sein Ring (1856)
- Die Nibelungen (1862)
- Demetrius (1864)
Epen:
- Mutter und Kind (1859)
Gedichten, Novellen:
- Der Heideknabe
- Nachtlied
Arno Holz wurde am 26.4.1863 in Rastenburg (Ostpreußen) geboren und starb am 26.10.1929
in Berlin. Als Sohn eines Apothekers verlebte er seine Kindheit in Berlin. Seit 1881 war er Redakteur und freier Schriftsteller in Niederschönhausen. Als erster Schriftleiter der "Freien Bühne", der späteren "Neuen Rundschau" hatte er einen starken Einfluss auf Gerhardt Hauptmann und Otto Brahm, der mit seinem Theater den Naturalismus durchsetzte. Holz war Theoretiker des deutschen Naturalismus und neigte zu einem barock gesteigerten "Sekundenstil", mit dem er " mit missionarischem Eifer die papiern gewordene Sprache von Klischees zu befreien und die Wirklichkeit minutiös wiederzugeben versuchte".
Werke:
- Papa Hamlet (1889)
- Die Kunst, ihr Wesen und ihre Gesetze (1891)
- Revolution der Lyrik (1899)
- Traumulus (1904)
- Sonnenfinsternis ( 1908)
Tolstoj wurde am 9.9.1828 in Jasnaja Poljana, Tula, geboren. Er entstammte einem alten russischen Adelsgeschlecht. Seine beiden Eltern starben sehr früh, seine Mutter bereits 1830, sein Vater 1837. Im Jahre 1841 wurde Tolstoi zu seiner Tante in Kasan gegeben. Dort, an der Universität studierte er drei Jahre von 1844 Sprachen, Jura, Literatur und Philosophie. Mit neunzehn Jahren wurde ihm das Familiengut Jasnaja Poljana zugesprochen. 1851 wurde er Offizier, bereiste später Europa und kehrte danach erbittert über den westlichen Materialismus auf das Familiengut zurück. 1882 verurteilte er sein bisheriges Leben in "Die Beichte" als voller Schuld und Sühne und fasste zahlreiche religiöse und sozialkritische Schriften ab, in denen er die herrschenden Theologie kritisierte und totale Gewaltlosigkeit predigte. Ebenso verurteilte er den Besitz und alle Kunst, die nicht einem sittlichen Ideal diente. Seine Lehren wurden gegen seinen Willen zum Programm einer religiösen Sekte, Tolstojaner, und wirkten stark auf die sozialistische Strömung in Russland. Wegen seiner Schriften zerstritt er sich mit seinen Verwandten und Standesgenossen und konnte sich von ihnen nach wiederholten gescheiterten Versuchen 1910 entfernen. Auf dem Weg in den Kaukasus erkrankte er aber und starb in einer Bahnstation an einer Lungenentzündung.
Als Dichter ist Tolstoi bedeutend durch seine psychologisch tiefe und farbenreiche Schilderung Russlands und seiner Menschen, die nachhaltig auf die westliche Literatur, besonders auf den Realismus und Naturalismus wirkte. Er gestaltete moralische und seelische Probleme und verurteilte Zivilisation und Kultur als verfälschende Elemente der Menschheit. Er konnte alle Seelenregungen der Charaktere nachdringlich nachzeichnen und beeindruckte durch seine faszinierende Darstellung alles Äußeren.
Werke:
- Kindheit (1852)
- Aus meinem Leben (1857; deutsch: 1890)
- Krieg und Frieden (Roman, 1864- 1869; deutsch: 1885)
- Anna Karenina (Eheroman, 1873-1876; deutsch: 1885)
- Der Tod des Iwan Iljitsch (Erzählung, 1886; deutsch: 1890)
- Auferstehung (Roman, 1899; deutsch: 1899
- Der lebende Leichnam (Drama, 1900; deutsch: 1911)
- Hadschi Murat (Erzählung, 1904; deutsch: 1912)
Er wurde am 2.4.1840 in Paris als Sohn eines Ingenieurs, der aus Italien stammte, geboren. Seine Mutter war eine gebürtige Französin. Er verbrachte seine Kindheitsjahre in Aix-en-Provence. Sein Vater starb bereits im Jahre 1847. 1858 ging seine Mutter mit Emile Zola nach Paris. Er wurde Schüler des berühmten Louis-le-Grand, bestand jedoch nicht die Reifeprüfung, denn er versagte in Französisch. Daraufhin wurde er vorübergehend Dockarbeiter, führte dann aber jahrelang ein entbehrungsreiches Leben als freier Journalist. Nach der freundlichen Aufnahme seiner ersten beiden Bücher 1864/65 gab er seine Tätigkeit als freier Schriftsteller auf. Mitte der siebziger Jahre begann er im Sinne des Naturalismus tätig zu werden. So zum Beispiel mit dem Werk "Der Totschläger" 1877, in dem über die brutalen Auswirkungen der Trunksucht von Pariser Arbeitern bereichtet wird. Dieses Werk hatte großen Erfolg. Zola erwarb in Medan ein Landhaus und wurde führende Gestalt des "Kreises von Medan", einer Gruppe junger Schriftsteller, die auch naturalistisch schrieben. 1894 wurde in Frankreich der jüdische Hauptmann Dreyfus des Hochverrats angeklagt und zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Zola hatte genügend Anhaltspunkte für dessen Unschuld und trat in seinem offenen Brief, "J´accuse!"; für diesen ein. Er wurde zu einer Geldstrafe und einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er konnte aber nach England fliehen, kehrte aber 1899 nach einem Straferlass nach Frankreich zurück.
Zola ist als Theoretiker wie als Erzähler der bedeutendste Naturlist. Seine Romane versuchen, in natur-wissenschaftlicher, exakter Beobachtung das wahre Bild des Menschen in seiner Abhängigkeit von der Umwelt zu zeichnen. Die Individuen erscheinen oftmals nur als soziale Typen, die mit einer Unmenge von ausführlich geschilderten Einzelheiten überhäuft sind. Das Bild der Masse ist plastischer und dynamischer. Zola bevorzugt hässliche Gegenstände und Aspekte und behandelt in erster Linie die technischen Erscheinungen und sozialen Missstände des 2. Kaiserreichs und den damaligen technischen Fortschritt. Zolas Werke sind von dem Glauben an den sozialen Fortschritt in dem humanistischen Geist erfüllt.
Werke:
- Die Rougon-Macquart (Roman-Zyklus, 1871-1893; deutsch: 1892-1899)
- Nana(1879)
- Germinal (1885)
- Die drei Städte (Roman- Trilogie, 1894-1898; deutsch: 1895-1898)