I am the voice, and the voice is me
Leah Gordon ist gebürtige Kanadierin und lebt seit zwei Jahren im Ruhrgebiet, wo sie am Musiktheater im Revier arbeitet. Die junge Sopranistin nahm sich etwas Zeit, um der RATSIA im Theatercafé ein paar Fragen über das Leben einer Opernsängerin zu beantworten.
Nach einer ausführlichen Präsentation der RATSIA ging?s los:
Welche Sprache ist dir lieber: Deutsch oder Englisch?
Oh, natürlich Englisch? Aber Deutsch muss ich trainieren.
Kanada ist groß. Aus welcher Ecke kommst du?
Ich komme aus keiner Stadt, sondern so zu sagen aus dem Wald, ca. 2 Stunden von Toronto entfernt, so richtig auf dem Land. Mit Kuh und allem drum und dran. Die Mentalität der Menschen dort ist ganz anders als in der Stadt.
Wie kamst du and die Oper? Die meisten Sänger wollen ja lieber Musical oder Jazz singen?
Das ist eine lange Geschichte? Mit 13 wollte ich gerne Musicalsängerin werden und habe Gesangsunterricht genommen. Ich habe auch ein spezielles Kunstgymnasium besucht. Dann meinten viele Leute zu mir, auch meine Lehrerin: Du musst eine Opernsängerin werden. Und ich war jung und hab einfach gesagt: Okay.
Man braucht ja ganz unterschiedliche Gesangstechniken für Oper und Musical?
Singen muss nicht so kompliziert sein. Singen ist einfach Singen. Singen ist Singen. Wenn man möchte, dass der gewisse Stil kommt, dann kommt er einfach.
Aber jemand, der nur eine Musicalausbildung hat, könnte keine Oper singen, oder?
Nein, andersrum funktioniert das nicht. Während der Opernausbildung lernt man seine Stimme besser kennen. Man kann sie kontrollieren?
Ihr seid ein Team?
Ja, genau.
Das hat auch etwas mit Psychologie zu tun, denn die Stimme ist ich.
Außerdem bin ich Nordamerikanerin. Der Musicalstil liegt uns im Blut. Das ist unsere Kultur, das ist automatisch da.
Als Nordamerikanerin ist deine Muttersprache natürlich Englisch. Meistens singst du hier aber auf Italienisch, Französisch oder Deutsch. Man kann eine Sprache ja perfekt sprechen, aber es ist ja was anderes, auf einer fremden Sprache zu schauspielern und auch Emotionen mit den Wörtern zu verbinden.
Ich glaube, wenn man das Talent besitzt, Opernsänger zu werden? Dafür braucht man nicht nur eine gute Stimme, man braucht auch ein Talent für Sprache, ein gutes Ohr und schauspielerisches Talent. Man muss über den geschichtlichen Kontext eines Stückes Bescheid wissen. Man muss da ein Talent für haben.
Aber natürlich beschäftigt man sich auch während des Studiums sehr intensiv mit Sprachen. Mit der Aussprache, nicht mit der Grammatik. Man lernt, wie eine Sprache klingt.
Und dann muss man sich einfach für jedes Lied vorbereiten, jedes Wort übersetzen. Und je mehr man sich damit befasst, desto besser lernt man die Sprache kennen.
Aber man muss nicht alle Sprachen sprechen können. Sprechen ist natürlich ein gutes Training! Dann kann man die Sprache auch mit der Seele verstehen.
Als du in Gelsenkirchen ankamst, konntest du die deutschen Dialoge, die du als Mary in ?The Life? hattest, schon auswendig und perfekt sprechen. Du hast also alles einzeln übersetzt?
Das dauert natürlich Stunden, aber das ist ein Teil dieses Jobs. Ich mach das gerne. Ich liebe Sprache. Es macht Spaß, sich die Texte intensiv anzugucken. Ich glaube, dieses Interesse muss ein Sänger haben. Denn Oper ist Theater. Es ist nicht nur Musik. Es ist beides zusammen. Die Beziehung zwischen Musik und Text macht Oper aus.
Das klingt ja nach ziemlich viel Lernerei?
Ich fühle nicht, das sich arbeite. Mein Job ist mein Traum. Ich empfinde das nicht als Anstrengung.
Dann hast du bestimmt viele gute Tipps, wie man besonders schnell auswendig lernt?
Hm, als erstes studiere ich die Form eines Stückes und mache
eine Strukturanalyse. Viele Dinge wiederholen sich, denen kann man Nummern geben, und manchmal lernt man vier Sätze und kann eine ganze Arie. Man packt das ganze Stück in einen kleinen Karton.
Und ich lerne die Texte als erstes. Ich lasse die Musik weg, was ziemlich schwer ist. Mein Gefühl ist immer: ?Was gibt es dazu für eine schöne Musik!? Ich möchte es singen. Aber wenn man die Texte erst mal kann ? als Monolog lernen, das ist schwer-, macht die Musik mehr Sinn, der Rest kommt von allein.
Gut ist es auch, vorm Schlafengehen zu lernen. Über Nacht bleibt es besser kleben.
Ich schreibe auch kleine Kärtchen. Die kann man überhall hin mitnehmen und lernen, wenn man z.B. auf jemanden wartet oder im Bus oder im Zug sitzt.
Lernst du täglich?
Ja, aber das muss nicht sein. Man kann auch mal Pause machen. Wenn man Lust hat.
Du sammelst hier am Theater ja Repertoire. Kannst du also mehrere Rollen inklusive Text, Ton und Gestik aus dem Stehgreif, auch wenn es schon zwei Jahre her ist, dass du sie gespielt hast?
Ja, klar. Aber das ist doch normal, oder? Die Muskeln erinnern sich daran. Es ist da. Wie Fahrradfahren ? das verlernt man nicht.
Apropos Fahrrad: Treibst du irgendeine
Sportart, die besonders gut für die Ausdauer beim Singen ist?
Nö, ich glaub das gibt es nicht. Ich bin dazu aber auch zu faul. Ich mach Yoga.
Wie bist du überhaupt aus Kanada ans MiR gekommen?
Ou, das ist wie eine Filmgeschichte: Der Intendant Peter Theiler hat mich in Toronto bei einem Vorsingen gesehen. Ich glaube, ich war am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Einfach Glück. Ich war fast fertig mit meiner Ausbildung, kurz vor meinem 24. Geburtstag. Und dann hatte ich plötzlich einen Vertrag.
Also ist das nicht selbstverständlich?
Nein, keinesfalls! Ich hatte sehr viel Glück. Das passiert nicht immer so. Ich hatte schon
Pläne gemacht: ?Ou, was passiert jetzt?! Ich bin fertig mit meiner Ausbildung. Wie kann ich einen Job bekommen??? Panik, die eine Sängerin normalerweise hat.
Du hast also einen Vertrag bekommen, in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent. Kanntest du da überhaupt schon das Ruhrgebiet? Wusstest du, was dich erwartet?
Nein. Meine Idee über Deutschland war: Bavaria. Mit grünen Wiesen und Kühen und allem drum und dran. Keiner kann English? Ich war schon ein bisschen schockiert, als ich hier ankam: Wo sind die schönen, kleinen Häuschen?
Auf Händen trägt sie auch das MiR-Publikum: Leah in ?Silk Stockings?
Und wirst du nächstes Jahr bei Expedition Oper mit dem Rats dabei sein?
Ich spiele bei Poppea mit, aber mehr weiß ich noch nicht. Das wird intern geregelt. Aber es wird auf jeden Fall cool.
Tja, das war?s. Wie schnell 1 ½ Seiten mit Fragen durchgehen.
Nochmals vielen Dank für das interessante Gespräch!
Deutsch scheinst du auf jeden Fall ?mit der Seele verstanden? zu haben. =)
Aktuell ist Leah in Puccinis ?La Bohemé? als ?Musetta? zu sehen. In der laufenden Saison wird sie außerdem in ?L?Africaine? und ?Lincoronazione die Poppea?, unserem Expedition Oper-Stück, mitwirken.
Fotos: Rudolf Majer-Finkes ChZ
© Städt. Ratsgymnasium Gladbeck